Danke, aus.

April 6, 2009

Das war´s. Wir sind fertig. Wir sind heil und mit nur knapp zwei Stunden Verspätung durch die letzte Nacht gekommen. Ein letztes Mal abends am Set ankommen, sich bei Hermanns Cateringmobil versammeln und sich gegenseitig ein cool-ironisch-wissend-hintergründiges “Guten Morgen” zuwerfen. Ein letztes Mal Stellprobe, Licht- und Kamera, Probe, Korrekturen, Dreh. Ein letztes Mal Mittagessen um Mitternacht, dann weiter durch die Nacht. Unser letztes Motiv ist ein echter Krankenhausflur, alle sind vorbildlich leise und kommunizieren im Flüsterton, mittlerweile sind alle auch ehrlich erledigt und pennen fast weg, aber wir sind noch nicht fertig, wir drehen, bis der Arzt kommt, in unserem letzten Bild tritt nämlich einer auf – und dann ist auf einmal alles vorbei. Draußen ist es längst hell. Wir stehen im Morgengrauen auf einem nichtssagenden Krankenhausparkplatz und sind zu erledigt, um uns zu freuen, aber auch zu froh, um erledigt zu sein.

Die allerletzte Klappe fällt am darauffolgenden Nachmittag. Kai, der Kameraassistent, und Alex und ich ziehen im ganz kleinen Team nochmal los, um ein paar Totalen der Stadt zu drehen. Auf einer Brücke, irgendwo am Hafen, stehen wir mit unserer Kamera, schwenken mal hier und mal dort hin und sind auf überaus entspannte Art extrem gut gelaunt, und als wir irgendwann die Kamera ausschalten, wird uns klar, daß damit der Film wirklich abgedreht ist. Abends ist dann Abschlußfest, die Ausstatter bringen Injektionsspritzen mit Wodka unters Volk, ich steige auf einen Stuhl und versuche mich an einer spontan improvisierten Dankesrede ans Team, daraufhin müssen der Produktionsleiter und die Produzentin ebenfalls auf denselben Stuhl steigen, Vincent hat einen zehnminütigen Zusammenschnitt geschickt, und wir bekommen zum ersten Mal eine Vorstellung davon, was für eine gewaltige Menge an interessantem Material wir da gedreht haben. Was für ein Aufwand, was für ein Streß, welch riesige Menge an Einsatz und Hingabe und Erschöpfung darin steckt, hat man in dem Moment schon halb vergessen. Und deswegen ist es gar nicht schlecht, daß ich mich öfters mal nachts um fünf noch hingesetzt habe, um diese Texte zu schreiben – denn sobald das Ergebnis vorliegt, hat man meistens den Vorgang, der dazu führte, mehr oder weniger aus dem Gedächtnis radiert. Denn Dreharbeiten sind wie ein Baugerüst, das man wieder wegreißt, wenn das Haus steht. Es bleibt keine Spur zurück, und selbst in der Erinnerung ist es irgendwie weg. Dabei macht die Arbeit auf dem Gerüst, bei aller Anstrengung, einen Heidenspaß. Seltsam ist nur, daß das Endprodukt so flüchtig ist. Bei uns steht eben am Ende kein Haus, sondern ein Film. Wenn wir unseren ganzen Troß in Bewegung setzen, haben wir am Ende des Tages eigentlich nur Datensätze generiert, wir haben die Ausrichtung von magnetischen Partikeln auf einem Bandmedium geändert, wir haben eine Serie von Nullen und Einsen erzeugt. Wir bauen Gegenstände, um ein Abbild von ihnen herzustellen und sie dann wieder einzureißen. Das Endergebnis von monatelanger Arbeit, von schlaflosen Nächten, von hitzigen Drehbuchdiskussionen und vierzig Leuten, die sechs Wochen schuften, paßt dann auf eine runde Scheibe. Die wenigsten Leute machen sich klar, wieviel Hingabe und Leidenschaft und Liebe jeder im Team mitbringen mußte, um den Film so zu machen, wie er ist. Und deswegen bedanke ich mich von ganzem Herzen bei all den Leuten, die dabei waren. Wir teilen alle gemeinsam die Erfahrung, wie es war, auf dem Balkon, auf dem Tetraeder, in den Eingeweiden der Musikhochschule, in nächtlichen Abgründen und insgesamt auf diesem großen, komplizierten Baugerüst namens “Dreharbeiten” herumzuwandern. Wir haben Papiere fliegen lassen, wir sind ins Eis eingebrochen, wir sind Treppen hinuntergefallen, haben Blumen ausgegraben und eingezäunt, wir wären beinahe in den Himmel gekommen und sind doch wieder auf der Erde gelandet, und wir haben uns gegenseitig alle ziemlich gut kennengelernt. Ich ziehe mich ins Privatleben und in den Schneideraum zurück. Als Blogschreiber bin ich ab sofort wieder hier zu finden. Dieses Tagebuch ist hiermit fürs erste beendet, aber wir werden gelegentlich neue Informationen daraufstellen, wenn wir etwas zu melden haben. Denn der Dreh ist aus, aber der Film geht weiter.

Und jetzt der Abspann. Eigentlich wollte ich jeder Abteilung mal ein Denkmal in Form eines Gruppenfotos setzen, das habe ich aber natürlich nicht hingekriegt. Die Szenenbildner und die Set-AL sind beispielsweise niemals auf einem Haufen zusammen. Deswegen einfach ein paar Bilder mit vielen, aber längst nicht allen Leuten.

Vielen Dank!
Drehschluß.
Auf Wiedersehen.

Sarah Mitter, Szenenbildassistenz - Matthias Lerch, Set Dresser - Christiane Krumwiede, SzenenbildBernadette Reschberger und Elke Hahn, MaskeJacob Ilgner, Ton - Bilge Bingül, TonassistenzSabine Hahn, Garderobe - Anne Schmidt, Kostümassistenz - Juliane Maier, KostümbildJonas Hartung, FahrerAlex Rutkowski, FahrerPouria Rezaei, Set-Al-AssistentSibylle Schuster, Set-Al-AssistenzSven Brinkmann, KamerabühneOberbeleuchter Robert Bergmann und seine Lichtmannschaft: Tobias Gehlfuß, Philipp Schmitz, Urs ZimmermannNhat Phong Tran, Visuelle EffekteMona Christina Schmidt, AusstattungshilfeSabine Steudter, InnenrequisiteKai Lachmann, Kameraassistenz - Johannes Neumann, MaterialassistenzRobert Patzelt, B-Kamera und SteadicamHermann Koenen, CateringDirk Feistkorn, KochEvangelos Grecos, StuntmanAkexander Sass, Kamera - Dietrich Brüggemann, RegieRegina Tiefenthaller, Regieassistenz - Zora Rux, zweite RegieassistenzKaija Hellweg, Script/ContinuityDie Hauptdarsteller: Jacob Matschenz, Robert Gwisdek und Anna BrüggemannFrühling auf der LaderampeDer allerletzte Drehtag

Hier nicht abgebildet und trotzdem voll dabei:

Vincent Assmann, Schnitt.

Martin Frühmorgen, Sounddesign.

Niklas Voigt, SFX.

Michel Krauß, Requisitenfahrer.

Katharina Birck, Ausstattungshilfe.

Dominik Schmitz, Außenrequisite.

Tom Trambow, Standfotograf.

Eugen Hecht und Gil, dessen Nachnamen ich nicht weiß, Kamerapraktikanten.

Doreen Königsmann, Rollstuhlberatung.

Valentin Mereutza, Cellolehrer.

Deborah Congia, Casting.

Lena Nienaber und Anna Jakisch, Set-Aufnahmeleitungs-Assistenz.

Stephanie Konopka, Set-AL.

Markus Zimmer, Location Scout.

Simon Louwen, Motiv-AL.

Kanat Namlisoy, 1. AL.

Iris Karmaat, Filmgeschäftsführung.

Lisa Karmaat, Praktinkantin FGF.

Franz Runge, Produktionspraktikant.

Maria Herpich, Produktionsassistenz.

Lucas Meyer-Hentschel, Produktionsleitung.

Nicht zuletzt natürlich, neben unserem Hauptdarstellertrio, noch einige großartige, inspirierte, wundervolle Schauspieler: Franziska, Weisz, Leslie Malton, Heiner Hardt, Michael Sens, Alexander Hörbe, Jörg Bundschuh, Arne Gottschling, Daniel Drewes, Amelie Kiefer und Christian Ehrich. Und schließlich Konstanze Altgelt, die hier zum ersten Mal vor der Kamera stand und eine winzige und doch sehr gewichtige Rolle gespielt hat.

Außerdem natürlich die ganze Mannschaft von Wüste Film, nämlich Ralph Schwingel und Stefan Schubert und Uwe Kolbe und Anja Padge und Yildiz Özcan und ganz besonders, allen voran, in riesengroßen Lettern: Sabine Holtgreve, ohne die all das niemals passiert wäre.

Und dann die Redakteure: Stefanie Groß und Dominik Brückner vom SWR, Barbara Häbe von arte, Michael André vom WDR. Und die Förderer. Und die Gebrüder Lumière, die das Kino erfunden haben. Und die Natur, die uns alle erfunden hat. Und das Universum. Und so weiter. Damit das hier nicht ausufert, überlasse ich das allerletzte Schlußwort meiner absoluten Lieblingsband, den Guillemots aus England:

When the film credits roll I stay right til the end
Then wander streets with my eyes ablaze
All I really want to do is go straight back and watch again
Play a different person everytime.

Heute ist der letzte Drehtag. In gut fünfzig Minuten werde ich hinunter gehen zur Tiefgarage, um mit meiner Abteilung, also den Mädels, also Regina und Zora und Kaija, ans Set zu fahren, so wie ich es in den letzten sechs Wochen jeden Tag getan habe. Wir sind jetzt komplett in der Versetzung, also in der Nacht. Wir fangen abends um zehn an zu drehen und hören bei Sonnenaufgang auf. Es ist halb sieben, draußen scheint die Sonne, der Frühling ist ausgebrochen. Ich habe mal wieder einen Schwung Handwäsche erledigt und aufs Balkongeländer gehängt, und da wurde mir klar, daß es der letzte war, denn zuhause gibt´s eine Waschmaschine. Zuhause? In Berlin, wo ich im tiefsten Winter weggefahren bin? Es fühlt sich an, als wären wir schon immer hier in Duisburg gewesen, in den Gassen rund um den Dellplatz, mit Blick auf den dreifachen Schornstein der Stadwerke, der nachts knallgrün angeleuchtet ist. Als hätten wir nie etwas anderes getan, als hier zu wohnen und zu drehen und in den freien Stunden zwischendurch herumzulaufen und auf der Straße ständig den Kollegen zu begegnen. Wir sind hier so eine Art kleines Dorf, wir besuchen uns gegenseitig zum Frühstücken und zum Kochen und zum Essen und zum Trinken und sehen uns dann eh gleich wieder am Set, wo sich im Lauf der Drehzeit jeder in so eine Art klar gezeichnete Comicfigur mit zwei oder drei ganz hervorstechenden Eigenschaften verwandelt hat. Arbeit und Freizeit fließen ineinander und sind eins, man hat sich eine alternative Dreh-Persönlichkeit zugelegt, von der man nicht so genau weiß, ob sie mit dem alten Ich überhaupt noch etwas zu tun hat. Ich habe mittlerweile eine unglaubliche Souveränität darin entwickelt, unseren Regie-Opel durch die füchterlich enge Hoteltiefgarage zu rangieren, ich habe mir am Set immer mehr angewöhnt, mehrere Takes unter einer Klappe zu drehen, bei laufender Kamera dazwischenzureden und mir einzelne Sätze und Momente von den Schauspielern nochmal anders zu wünschen, ich laufe ständig mit dem Arafat-Schal herum, den meine große Schwester mir zu Weihnachten geschenkt hat, und stelle mit Interesse fest, daß ich auf einmal Hiphop höre. Wer bin ich, wer war ich, wo fängt das an, wo hört was auf? Warum dauern Umbauten immer so lang, und wieso fällt mir die eine Stunde, die vergeht, während ich fünf Takes drehe, vergleichsweise überhaupt gar nicht auf? Ist noch jemand zugestiegen, und wenn ja, warum? Hat am Ende mein eigenes Drehbuch mich aufgefressen, habe ich unterwegs jegliche Souveränität verloren und mich in eine meiner Filmfiguren verwandelt, um mich dann vom Kopf auf die Füße zu stellen und richtig herum wieder vom Film ausgespuckt zu werden, mitten hinein in den Frühling? Jedenfalls werden wir heute als erstes die letzte große Szene vom Film drehen, in der zwei Freunde sich hauen und wieder vertragen und zwischendurch ein Stuntman die Treppe hinunterfällt. Dann noch ein paar kleinere, unter anderem einen Gastauftritt von Christian Ehrich, des Hauptdarstellers aus “Neun Szenen”, den ich verehre und schätze und liebe. Weil wir in einem Krankenhaus drehen, werden wir am Ende noch nicht mal laut jubeln können. Wir werden uns heimlich hinausschleichen und uns dann bei Sonnenaufgang auf dem Parkplatz um den Hals fallen. Und dann wird es vorbei sein.

Unser Dreh hört so auf, wie er angefangen hat, nämlich mit
kriegsähnlichen Zuständen. Vor fast einem Monat standen wir auf einer
künstlichen Eisfläche am Rand eines echten Sees zwischen nassen
Schauspielern, verwirrten Hunden und fauchenden Nebelmaschinen, aber
alles, was dort entstand, war nur Anfang und Ende einer Szene, deren
Mittelteil jetzt erst gedreht wurde. Auf dem See, wo nur Nebel und Eis
ist, wo Leute einbrechen und sich aus dem Eis wieder hinauskämpfen. So
etwas dreht man nicht in der freien Natur, sondern im Studio, also waren
wir in der “Movie World” in Bottrop, einem Vergnügungspark, wo man in
filmähnlichen Dekorationen Achterbahn fahren kann, wo aber auch vier
große Studiohallen stehen. Es ist weit und breit das einzige Studio mit
einer sogenannten “Versenkung” im Boden (man könnte auch einfach “Loch”
dazu sagen), in die man ein Wasserbecken hineinbauen kann. In das
Wasserbecken wurde wiederum ein versenkbareres Bodengitter hineingebaut,
das auf Knopfdruck nach unten saust, selbiges wird mit
Styropor-Eisschollen und anschließend mit Wachs bedeckt, drumherum liegt
die bewährte Kunstharz-Eisfläche von unseren Ausstattern, drüber
schweben drei riesige leuchtende Ballons, die aussehen wie Zeppeline
oder Würste, und schließlich die Krönung: Nebel. Die ganze Halle wird
zugenebelt, bis man keine drei Meter weit mehr gucken kann. Hallo!
Kollegen! Wo seid ihr? Den Kran findet man ziemlich einfach, indem man
den Schienen folgt. Der Kameramann sitzt auf dem Kran und kann auch gar
nicht weg, weil der Kran auf sein Gewicht eingependelt ist und ohne ihn
umkippen würde. Der Kameraassistent sitzt ebenfalls auf dem Kran, weil
die sogenannte Funkschärfe heute kaputt ist. Der Nebel riecht nach
verbrannten Erdbeeren und kratzt im Hals.

So etwas dauert immer länger als gedacht. Man hat genug Zeit, allein im
Nebel spazieren zu gehen oder kurz hinaus an die frische Luft zu gehen,
mit den Kollegen zu scherzen, mit den Schauspielern herumzuspringen oder
einfach in der Sonne zu sitzen. Denn heute ist einer der ersten sonnigen
Tage, und man bekommt eine Ahnung davon, wie schön es sein kann, einen
Film im Sommer zu drehen, wenn es draußen warm ist, wenn alle nach
Drehschluss mit einem Bier auf der LKW-Laderampe sitzen und die ganze
Arbeit sich anfühlt wie ein Urlaub mit Freunden. Mein letzter Film war
so, aber damals haben wir auch nur eine Einstellung pro Tag gedreht.
Heute muss es etwas mehr sein. Wir gehen wieder rein, tauchen ein in den
Nebel, drehen das letzte Bild, den Höhepunkt, zwei Menschen stehen im
Eiswasser, tauchen unter, als der Kran über sie hinwegschwebt, tauchen
wieder auf, dann fällt der dritte auch hinein. Wir drehen. Alles unter
einer Klappe. Die Schauspieler kämpfen. Rein ins Wasser, raus, wieder
rein, und vergesst nicht, es ist eigentlich kälter, als es jetzt ist. Der
Kran fährt hoch und macht einen sogenannten Topshot, verschwindet
irgendwo an der Hallendecke im Nebel und guckt senkrecht runter aufs
Geschehen, die zweite Kamera bleibt nah dabei. Irgendwann ist es aus,
vorbei, drei nasse Menschen liegen erschöpft auf dem Studio-Eis zwischen
Kunstschnee und SFX-Nebel, unter drei leuchtenden Zeppelinen, vor einer
Wand aus grauem Stoff – alles gefälscht, aber der Moment war echt. Ein
riesiger Aufwand für ein kurzes Bild, aber wenn man einmal anfängt,
Aufwand zu betreiben, dann kann man nicht mehr damit aufhören, dann
zieht der Aufwand immer mehr Aufwand nach sich. Viele Filmemacher habe
im Lauf der Jahrzehnte alle möglichen Strategien entwickelt, um dem
ganzen Apparat ein Schnippchen zu schlagen, um schnell und unabhängig
Momente der Wahrheit zu finden. So was würde ich auch gern mal wieder
tun – aber jetzt geht es erst mal um die letzten Tage, um lärmende
Baumaschinen, durchziehende Wolken, Autos, die ihre Position treffen
müssen, elaborierte Kranfahrten aus Gebäudeeingängen bis in den Himmel
hinauf, um einen Treppensturz-Stunt und ein schreiendes Kind. Und
zwischen all dem um die Geschichte, deren letzte Bausteine wir noch
erzählen wollen, bis wir die Bausteine alle beieinander haben und
anfangen können, im Schneideraum den Film zusammenzubauen.
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Cameos

März 31, 2009

Eine der lustigsten Sachen, die man am Set machen kann, sind kurze
Gastauftritte von Freunden in möglichst farbenprächtigen
Knallchargenrollen. In den letzten Tagen hatten wir einige davon. Es
ging los mit zwei sehr guten alten Freunden, nämlich Nikolaj Nikitin und
Oliver Baumgarten, Herausgeber und Chefredakteur des Filmmagazins “Der
Schnitt”, für die ich seit bald 10 Jahren schreibe. Es ist ja immer
wunderbar, wenn Leute Musikinstrumente durch die Gegend tragen, auf
denen sie eigentlich gar nicht spielen können – das hatte ich schon
einmal für einen Festivaltrailer gemacht, hier war es wieder soweit.
Eine große Tuba und eine kleine Taschentrompete, schon hat man ein
lustiges Blechduo.

Einen Tag später dann ein zweiter Kurzauftritt, der mir sehr am Herzen
lag. Wir hatten vor gut einem Jahr mal die Idee, unsere Hauptrolle mit
einem echten Rollstuhlfahrer zu besetzen. Wir setzen Anzeigen, ich
lernte einige ziemlich spannende Persönlichkeiten kennen, aber keinen,
in dem ein verborgender Schauspieler schlummerte. Doch der erste, den
ich traf, war so ein spezieller, aufgeschlossener, sympathischer und
beeindruckender Typ, dass ich ihn unbedingt im Team haben wollte.
Also wurde Tobi Krämer neben Dominik die zweite Hälfte unseres
Rolli-Coaching-Duos. Robert Gwisdek fuhr zu ihm hin, kam zurück und war
rundherum beeindruckt von all den Klischees, die einem da aus dem Kopf
geschlagen wurden. Weil Dominik und Tobi so viel zum Film beigetragen
haben, wollte ich sie auch im Film auftauchen lassen, und zwar aus
Gerechtigkeitsgründen, wie bereits erwähnt, als Fußgänger. Wie macht man
das? Ganz einfach, indem man sie wie normale Menschen auf normale Stühle
in ein normales Publikum setzt. Unser unechter Rollstuhlfahrer klatscht
im Konzert an der falschen Stelle, zwei echte undercover-Rollstuhlfahrer
drehen sich um und zischen empört. Im Film nur ein kleiner Moment,
niemandem wird er auffallen, aber er musste unbedingt sein.

Wieder einen Tag später. Heute lösen wir endlich eine alte Schuld ein.
Mein Freund und Bürogemeinschaftspartner Sven Taddicken, Regisseur z.B.
von “Emmas Glück”, und ich haben eine Vereinbarung, dass wir uns in
absurden Kurzauftritten gegenseitig besetzen. Im Herbst war ich als
mittelalterlicher Hamburger Kaufmann am Set seines Störtebeker-Films und
sah aus wie ein alter Hundertmarkschein – heute ist Sven bei uns und
spielt einen Verkäufer in einem Computerladen. Und zwar als Grufti in
voller Kostümierung. Daneben Ralph Etter, Freund und
Bürogemeinschaftspartner und Freizeit-DJ-Kollege, der so aussieht wie
immer und nachdenklich einen völlig zerstörten Laptop hin- und her wendet.

Und schließlich dann ich selber. Aus irgendeinem Grund kam ich auf die
Idee, in einer Szene, in der Anna am Cello kläglich versagt, den
Pianisten, der sie begleitet und auch nix daran ändern kann, selber zu
spielen. Das ist zwar sehr lustig, aber wenn man es dann machen muss,
nervt es auf einmal kolossal, hilft aber nix, da muss ich jetzt durch.
Hinterher an der Videoausspiegelung die wiederkehrende Erkenntnis: Meine
Güte, siehst du bescheuert aus, arbeite doch lieber hinter der Kamera
und nicht davor. In den Mustern vom Vortag relativiert sich das ein
wenig, da spaziere ich mal ohne diesen dämlichen Kostüm-Pullover durchs Bild, geht schon irgendwie in Ordnung, und trotzdem verstehe ich schlagartig mal wieder, warum die meisten Schauspieler sich keine Muster angucken wollen.

Aber genau darum geht es ja bei all diesen spaßigen Gastauftritten: Sie beweisen nicht nur Verbundenheit und machen aus lauter Einzelkämpfern ein kleines Netzwerk, sie stellen nicht nur das Geflecht der Menschen, die an einem Film mitwirken, nach außen dar – sie sind auch eine kleine Feier von lauter höchst eigenen, seltsamen Individualitäten. Sie sind in einem Film, der über Jahre entwickelt wurde, der mit enormem Aufwand gedreht wird, in dem nichts dem Zufall überlassen wird, so etwas wie kleine Inseln, auf denen man sich kurz mal ein Stück Leben angucken kann, und das ist oft sehr lustig, auch wenn man mal selber als Pointe herhält.

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Muho

März 30, 2009

Es ist merkwürdig, wie man sich aus der Welt ausklinkt, wenn man dreht. Nach einem Tag Krieg am See, wie hier berichtet, kommt man abends nach Hause und stellt mit leichtem Befremden fest, dass außerdem, neben all dem seltsamen Kram, den man selber tagsüber gemacht hat, heute in Köln ein respektables Gebäude vom Erdboden verschluckt wurde. Oder auch dass mal wieder jemand zum Amoklaufen in die Schule gegangen ist. Das allgemeine Nachrichtengrundrauschen verschwindet, man bekommt nur die wirklich erschlagenden Schlagzeilen mit, und die wirken dann nach.

Wir waren drei Tage in Köln, um an der Musikhochschule (abgekürzt “Muho”) zu drehen, und auf einmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: Was wäre, wenn sich auch hier der Erdboden auftun würde und dieses große Betongebäude mit uns allen drin, Filmteam und Orchester und Komparsen, einfach in einem großen Loch verschwinden würde? Zugegeben, ein absurder Gedanke, aber bezogen aufs Stadtarchiv war derselbe Gedanke doch eigentlich genauso absurd, bis es dann doch passiert ist. Nun denn, es ist nicht passiert, die Kölner Musikhochschule steht noch genau dort, wo sie vor schätzungsweise 30 Jahren hingebaut wurde. Ein Klotz aus Sichtbeton mit Treppengeländern und Einbauten und Türen in knalligen Primärfarben, vor allem Gelb. Eine unserer Hauptfiguren studiert Cello, ihr Studium ist nicht eitel Sonnenschein, sondern eher ein wenig dysfunktional, sowieso muss klassische Musik ja nicht immer zwangsläufig aussehen wie eine Radeberger-Reklame mit wilhelminischen Protzgebäuden und Anzug und Sektglas, das Leben der Leute, die sie betreiben, sieht ja schließlich auch nicht so aus, also sind wir sehr dankbar für die Drehgenehmigung und richten uns für drei Tage in Köln ein. Von all den knalligen Farben, die im Gebäude herumstehen, ist Gelb die hervorstechendste, also entscheiden wir uns dafür, das Gelb thematisch gnadenlos durchzuziehen, was dann dazu führt, dass unsere heldenhafte Ausstattungsabteilung Stunden damit zubringt, grüne Türen und schwarze Wände mit gelber Folie umzukleben, vor allem die überdimensionierte, tonnenschwere Tür des großen Konzertsaals.

Unsere drei Köln-Tage haben ihren eigenen Spannungsbogen: Absprung, Flug, Landung. Oder auch Exposition, Klimax, Katharsis. Am ersten Tag drehen wir in einem kleinen Übungsraum eine kleine, feine Szene zwischen Jacob und Anna, dann ist Pressetermin, die Hauptdarsteller und meine Wenigkeit reden mit Journalisten, das fühlt sich insgesamt etwas schräg an, als würde man bei einem Festival über einen fertigen Film Auskunft geben, dabei sind wir noch mitten im Dreh. Weiter geht es mit einem Jacob-Matschenz-Solo-Telefongespräch in einem langen Flur, dann hüpfen wir für eine kurze Zwischenszene runter in die Konzertsaalgarderobe und dann wieder rauf ins Foyer, insgesamt ist der erste Tag ein einziges Umhergehüpfe. Der zweite Tag ist Großkampftag, Massenauftrieb, Adrenalinausschüttung: Hundert Komparsen, ein Orchester von 60 Leuten, wir inszenieren ein klassisches Konzert, in dem Anna ihr Cello-Solo zum Besten gibt, für das sie seit 3 Monaten Cello gelernt hat, um vor der Kamera so zu tun, als hätte sie von Kindesbeinen an nichts anderes gemacht. Heute darf nichts schief gehen. Es ist der einzige Drehtag, vor dem ich Angst habe. Wenn hier etwas nicht klappt, haben wir keinen Plan B. Es gibt ein Cellodouble, das Anna ersetzen könnte, falls sie es plötzlich nicht hinkriegt, aber dann müssten wir auf halbgare Großaufnahmen von spielenden Händen ausweichen, bei denen jeder halbwegs schlaue Zuschauer sich totlacht. Unser Orchester ist jedenfalls großartig. Anfangs waren wir ja überzeugt, wir müssten eine existierende CD-Einspielung nehmen, weil uns echte Orchesteraufnahmen zu aufwendig erschienen, und müssten uns zusätzlich ein Orchester vor die Kamera holen, das dann zu einem bestehenden Playback spielt. Dann aber ergab sich der Kontakt zu Herrn Sulejmani, der aus Studenten der Essener Folkwangschule spontan ein Orchester zusammenstellte, das uns die benötigten Stellen aus unserem Brahms-Konzert tatsächlich einspielte. Letzteres ist am Montag passiert. Heute ist Donnerstag, und jetzt sitzt dieses Orchester vor uns auf der Bühne und spielt zu seinem eigenen Playback den dritten Satz aus Brahms´ zweitem Klavierkonzert, wieder und wieder, und mittendrin sitzen zwei Schauspielerinnen mit Celli in den Händen und tun so und versuchen nicht negativ aufzufallen. Und weil heute so ein Großkampftag ist, arbeitet das Team auch mit angehaltenem Atem, hochkonzentriert, es herrscht meditative Ruhe, alle sind mit ganzem Herzen bei der Sache. Robert Patzelt, mein alter Kamera-Lehrmeister, ist wieder da und bedient die zweite Kamera, die wir heute haben. Zunächst drehen wir mit unseren Komparsen einen Schwenk durchs Publikum, bei dem später auf digitalem Wege aus 100 Leuten 500 werden, dann kommt das Orchester, ich halte eine kurze Ansprache über Dreharbeiten und all das und warum man Instrumente in die Hände von Schauspielern gibt, die gar nicht darauf spielen können. Und dann geht es los. Anna greift beherzt in die Saiten und spielt. Und siehe da: Es funktioniert. Es sieht gut aus. Es sieht echt aus. Sagt auch Valentin, der die Großtat vollbracht hat, Anna in knapp vier Monaten dieses sauschwere Solo beizubringen. Wir gehen näher ran, drehen die Szene wieder und wieder aus den verschiedensten Blickrichtungen, alle Befürchtungen lösen sich in Luft auf. Zwischendurch drehen wir ein paar Passagen aus anderen Sätzen, da darf das Orchester mal richtig reinhauen und tatsächlich spielen, was sie auch mit großer Freude tun. Irgendwann nähert sich die Mitternacht, das Orchester muss weg, wir wollen noch einiges drehen, das Tempo steigert sich, Anna läuft noch mal zu großer Form auf und musiziert, als hätte sie tatsächlich nie was anderes gemacht – und dann ist auf einmal das Orchester abgedreht. Noch ein paar Details vom Publikum, und dann ist er schon wieder vorbei, unser krasser Großkampftag. Das soll es schon gewesen sein? Haben wir nicht noch irgendwas vergessen? Eigentlich nein. Alles gedreht. Wahnsinn.

Der dritte Tag ist dann wie eine etwas holprige Landung – vor allem der Teil des Teams, der abends immer noch nach Duisburg zurückgefahren ist, ist einigermaßen erledigt. Ich selber habe zwei Nächte auf einem Sofa in Köln geschlafen, wache aber ohnehin immer viel zu früh auf und bin auch einigermaßen erledigt. Außerdem ein Motivwechsel, erst eine Szene in einem Computerladen, dann zurück in die Musikhochschule. Michael Sens hat heute seinen zweiten großen Auftritt – gestern hat er das Orchester dirigiert, heute hält er in seiner Rolle als Cellolehrer eine lustige kleine Ansprache. Als wir in den Raum kommen, in dem wir drehen wollen, steht noch nichts, aber viel liegt herum. Alle packen an und fangen irgendwie an, Stühle durch die Gegend zu schieben und den Rest hinter Stellwänden verschwinden zu lassen. Die Beleuchter sind gut vorbereitet, trotzdem dauert der Lichtbau einen etwas längeren Moment. Ein sehr talentierter Komparse bekommt von mir kurzerhand eine stumme Rolle zugeteilt und darf jetzt als Violinprofessor bedeutungsvolle Blicke mit Michael Sens tauschen, was zu unterdrückten Heiterkeitsausbrüchen am Videomonitor führt. Ganz zuletzt, nach Mitternacht, noch eine Schrecksekunde, als bei einer raschen Dollyfahrt, rückwärts in einem Flur, der Kameraassistent, der mit auf dem Dolly sitzt, gegen einen Türrahmen prallt und eine Platzwunde am Kopf davonträgt. Alle sind geschockt, zum Glück ist nichts schlimmeres passiert, aber spätestens jetzt ist allen klar, dass wir eigentlich sofort Drehschluss, Wochenende und Badewanne bräuchten. Wir drehen die eine Einstellung, die wir noch brauchen, machen drei Kreuze, Feierabend und Wochenende. Fünf Tage sind noch zu drehen. Die werden auch noch abwechslungsreich.

Hauptmotiv

März 26, 2009

Ein Set ist ein Drehort ist ein Motiv ist eine Location. Wo genau diese
Begriffe jeweils anfangen und aufhören, ist nicht so ganz klar. Man
sucht Locations, verhandelt mit Motivgebern, trifft sich am Drehort und
geht ans Set. Heute haben wir unser Hauptmotiv abgedreht. Das Hauptmotiv
ist der Drehort, an dem der Großteil eines Films spielt, oft die Wohnung
der Hauptfigur, so auch bei uns. Unsere Hauptfigur wohnt in einem
Hochhauskomplex in einem etwas abgehängten Stadtteil von Duisburg.
Problemviertel, Ghetto, sozialer Brennpunkt. Hochhaussiedlungen sind im
deutschen Film oft zu sehen. Sie sind irgendwie rauh und echt und nah
dran am wahren Leben, das fühlt sich realer an als der
Mittelstands-Hintergrund, den man typischerweise selber hat, wenn man
Filme macht. Unser Hauptmotiv bietet auch jede Menge krasser sozialer
Realität, im Treppenhaus stehen flammende Liebeserklärungen und wilde
Kampfansagen an die Wände geschrieben, die Mieter kommen aus allen fünf
Erdteilen, gut ein Drittel der Wohnungen steht leer, das Haus gegenüber
steht gleich komplett leer, was uns erst auffiel, als wir zum ersten Mal
nachts in unserer Hauptmotiv-Wohnung waren und in ein schwarzes Loch
guckten. Wir drehen im 16. Stock, wenn man auf den Balkon geht und nach
unten schaut, dann schaut man in einen Abgrund von 40 Metern Tiefe, doch
wenn man den Blick hebt, dann sieht man ein umwerfendes Panorama aus
Stadt und Land und Industrie, ganz eigenartig und wunderschön. Unser
Held wohnt hier, und er hat einen ziemlich guten Grund, denn er sitzt im
Rollstuhl und braucht einen Aufzug. Er regiert von seinem Balkon aus
über eine Welt, die nur ihm gehört. Er blendet seine Umgebung nicht aus,
aber sie steht auch nicht im Mittelpunkt. Er will hier nicht weg. Es
gefällt ihm, wo er ist. Und uns gefiel es auch. Man ist mitten im
Himmel. Man guckt übers Land wie ein König über sein Reich. Am Horizont
steht ein Kraftwerk wie ein gelandetes Raumschiff. Direkt gegenüber
steht zum Greifen nah ein zweiter Plattenbau. Etwas weiter rechts die
zahlreichen Schornsteine eines Chemiewerks. Dann der Rhein und die
Autobahnbrücken. Man sieht, wie über den Tag die Sonne wandert und das
Licht sich ständig ändert. Man steht inmitten einer riesengroßen Utopie,
die einige Stadtplaner in den 60er Jahren hatten, die davon träumten, in
neuen Gebäuden eine neue Sorte Mensch heranwachsen zu lassen. Man steht
inmitten eines gescheiterten Traums, man ist in einem Neubau, der längst
ein bröckelnder Altbau ist, man sieht und hört und riecht und fühlt, was
aus dem Traum geworden ist, und es ist auf seine ganz eigene Art, in
aller Hässlichkeit, doch wunderschön. Wir waren hier, wir sind fertig,
wir werden wahrscheinlich nie wieder hierher kommen, doch das
wahnsinnige Panorama, die Nacht und den Tag und
die Wolken am Himmel, die wir jeden Tag und jede Nacht von hier aus
gesehen haben, werden wir so bald nicht vergessen. Wir werden es im
Herzen mit nach Hause nehmen und irgendwo ablegen und es ab und zu
hervorholen, alle paar Jahre, hin und wieder, werden wir daran denken,
wie es war, in Duisburg im 16. Stock zu drehen, wo das Team sich auf die
Füße trat und Hektik herrschte und immer jemand im Weg stand, wo wir uns
spätnachmittags auf dem Motiv-Balkon Wettläufe mit dem schwindenden
Tageslicht lieferten, wo man sich am Ende immer wieder mit einer
Zigarette auf dem Team-Balkon traf und hinausschaute auf die Stadt und
die Nacht. Und falls wir es eines Tages vergessen sollten – im Film wird
es auch ausgiebig zu sehen sein.

Closed Set! Das bedeutet soviel wie: Alle raus. Nur die dürfen rein, die
wirklich was wahnsinnig wichtiges zu tun haben. Und das sind einige. Zum
Beispiel der Kameramann, der Kameraassistent, der Tonangler, die
Regieassistentin, die Maskenbildnerin und ich selber. Außerdem natürlich
die Schauspieler. Um die geht es ja eigentlich. Closed Set wird dann
ausgerufen, wenn vor der Kamera was heikles passiert, meistens im Bett.
Der große Monitor wird abgekoppelt, niemand darf zugucken, es ist still
und geheim. Und auf einmal ist am Set eine Atmosphäre wie in der Kirche,
andächtig und ruhig. Alle gehen leise und konzentriert ihrer Arbeit
nach. Sonst schreien alle durcheinander, und gelegentlich schreit jemand
“Ruhe!” dazwischen – heute flüstern alle. Es gäbe eigentlich keinen
objektiven Grund, sich im Flüsterton zu unterhalten, aber trotzdem tun
es alle, und schon ist eine wunderbare Vorweihnachtsstimmung im Raum,
wie man sie eigentlich immer gern hätte. Dann ist der heikle Teil
vorbei, wir gehen ans Eingemachte und drehen eine Szene, in der zwei
Menschen sich emotional kaputtmachen, die im Buch schon böse aussah, die
jetzt auf einmal so bitter wird, dass es mir selber zuviel wird. Wir
drehen sie, wieder und wieder aus verschiedenen Perspektiven, immer
wieder kopfüber hinein in Abgründe, in denen man nicht sein will, es ist
Nacht, alle sind von einer krassen sechs-Tage-Woche ziemlich im Eimer,
nebenan am Catering-Tisch wird gelacht und gescherzt, das Team freut
sich aufs Wochenende, zum ersten Mal fühle ich mich nicht mehr wie ein
schwungvoller Anführer einer gutgelaunten Truppe, sondern komplett
allein inmitten vieler Menschen und weiß nicht, wohin mit mir. Nebenan
ist ein Masseur, eine freundliche Geste der Produktion ans Team als Dank
für eine harte Woche. Einer nach dem anderen legt sich auf die Liege und
lässt sich durchkneten, mir ist das eindeutig zu viel, ich bin schon
ausreichend durchgeknetet, also hole ich mir lieber irgendwas zu essen
und gehe dann wieder aus der hellen, lustigen
Team-Technik-Aufenthalts-Wohnung hinüber in unsere dunkle Set-Wohnung,
wo die nächste Einstellung eingerichtet wird und großes Schweigen
herrscht. Nachts um drei sind wir endlich fertig mit der Szene und den
Nerven und uns selber. Nach der großen Stille folgt das große Aufatmen.
Wir gehen hinaus auf den Balkon, wo uns ein glitzerndes nächtliches
Panorama aus Stadt und Industrie zu Füßen liegt, und drehen als
allerletztes ein paar Totalen der Stadt. Drehschluss. Wieder ein
Wochenende. Familienväter fahren morgen früh nach Berlin, Kölner fahren
spät nachts noch nach Köln. Es ist eiskalt, denn mit dem sonnigen
Frühlingswetter, das hier seit einigen Tagen herrscht, fallen die
Temperaturen nachts auf einmal wieder unter Null. Uns steht ein sonniges
Wochenende in Duisburg bevor. Wir werden auf dem Balkon frühstücken, wir
werden am Sonntag nach Essen in die Folkwangschule fahren, wo das
Orchester probt, mit dem wir nächste Woche drehen werden. Vincent und
Martin, der Cutter und der Sounddesigner, kommen aus Berlin angereist,
und Vincent wird die ersten sieben Minuten vom Film mitbringen, die er
bereits geschnitten hat. Den Anfang eines Filmes sehen, dessen Ende man
noch drehen muss, das ist so ungefähr, als würde man vorn die Fassade
anmalen, während man hinten noch am Haus baut, das ist wie gleichzeitig
kochen, essen und Abwasch machen, aber eigentlich ist es supertoll. Zwei
Wochen werden wir noch drehen. Das Ende ist in Sicht. Wir sind gespannt.

Fotos

März 20, 2009

Hier einige Bilder aus der ersten Hälfte unseres Drehs. Nähere Informationen erscheinen wie von Geisterhand, wenn man mit der Maus einen Moment auf dem Bild stehenbleibt, vielleicht erscheinen sie aber auch nicht, je nach Betriebssystem, Browser und allgemeiner Wetterlage.

Anna Brüggemann und Jacob Matschenz auf dem roten TeppichKameramann und Oberbeleuchter vor einer grünen WandDiese Absperrung ist leider nicht für die Blumen da, sondern für unsere Kamera, die im Moment nicht wackeln darf.Dieser Mann läßt ein altes Auto noch älter aussehenDer Tonassistent entspannt sich zwischen zwei TakesDer Tonmeister entspannt sich zwischen zwei TakesDer Regisseur entspannt sich zwischen zwei TakesHier entspannt das Team sich in der MittagspauseDie Szenenbildassistentin trägt Laub durch den Wald.Vorn: Kameramann Alexander Sass, hinten: Product PlacementSzenenbildnerin Christiane Krumwiede inmitten ihrer KreationenDer sogenannte Regenabweiser ist eine Art rotierende Glasscheibe mit Regenrinne, mit dem bei Regen Trockenheit simulieren kann. Der Oberbeleuchter bei einer typischen Bewegung auf der Suche nach Sonne bzw. Wolke.Hier entspannt sich das Team bei Tag und bei Nacht.

Blick vom BalkonHier wird in wenigen Momenten Jacob Matschenz stehen.

Garderobiere, maskenbildnerin und Setrunnerin wissen nicht so genau, was auf dem Schild hinter ihnen steht

Ein Fahrer und zwei Beleuchter machen PauseEin Fahrer und zwei Beleuchter arbeiten.Alexander Sass überragt ein TetraederUnsere Produzentin findet heraus, daß sie keine Höhenangst hat.

Über dem Abgrund

März 19, 2009

Wir waren oben und sind jetzt wieder unten. Wir sind geklettert und
wieder abgestiegen. Wir hatten eine bombastische Aussicht, bei Tag und
bei Nacht, wir haben Lichtstrahlen in den Himmel geschickt, bis es über
uns aussah, als öffnete sich die Himmelstür. Die Rede ist vom
“Tetraeder Bottrop”, einer riesengroßen Stahlpyramide, die auf einer
Halde steht, gleichermaßen sinnlos und imposant, und einen umwerfenden
Blick aufs Ruhrgebiet bietet. 200 Stufen führen hinauf zu drei
Plattformen, eine höher und schräger und wackliger als die andere, an
dünnen Stahlseilen in die Luft gehängt. Warum will man hier hinauf? Ganz
einfach, weil man kann. Oder weil man nicht kann. Dann nämlich erst
recht. Deswegen klettern unsere Helden hinauf aufs Tetraeder, deswegen
klettern wir ihnen hinterher und harren bei eisigem Wind aus bis halb fünf
Uhr morgens, bis 25 von unseren geplanten 28 Einstellungen gedreht sind,
bis wir oben angekommen sind und die Lichter ausgeknipst sind und wir
alle wieder die 200 Stufen hinuntergehen und uns restlos durchgefroren
und erschöpft in unsere Autos setzen und uns in den morgendlichen
Berufsverkehr einfädeln und in unsere Betten fallen, wo wir unruhig und
zu kurz schlafen werden, weil wir ja morgen, also eigentlich heute,
schon wieder drehen werden, wir werden die Kamera an einem Kran aus dem
Badezimmerfenster hinausfahren und aus dem 16. Stock über den Abgrund
hängen und drei Leute filmen, die auf einem Balkon sitzen und davon
träumen, auf genau dieses Tetraeder hochzuklettern, auf dem sie
eigentlich gestern erst waren. Das letzte, was ich sehe, ist ein Auto,
auf dessen Nummernschild BOT-OX steht, dann schlafe ich auf dem
Beifahrersitz ein und wache erst wieder auf, als wir kurz vor
Sonnenaufgang zuhause ankommen und alle sich mit “Gute Nacht”
voneinander verabschieden. In wenigen Stunden werden wir uns
wiedertreffen, nachmittags um fünf, und werden zueinander “Guten Morgen”
sagen, um dann abends um halb elf Uhr Mittagspause zu machen und dann
wieder Richtung Zukunft durch die Nacht, weiterdrehen, bis der Morgen
graut oder bis alle eingeschlafen sind und das Set von friedlich
schlummernden Menschen bevölkert ist, die allesamt einen seltsamen Traum
von einem großen Stahlgerüst träumen, auf dem man immer weiter in den
Nachthimmel steigt, ohne jemals irgendwo anzukommen.

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Leslie was here

März 14, 2009

1996, als Anna 15 war, kam sie an ihre erste Rolle, indem sie sich bei einem Schulausflug nach München heimlich von der Gruppe abseilte und zu einem Casting marschierte. Ich war damals 20 und Zivi und wollte irgendwie zum Film. Jetzt war meine kleine Schwester auf einmal schneller als ich. An einem ihrer Drehtage kam ich mit, guckte mir mit großen Augen alles an, all die Leute mit ihren funktionellen Klamotten und Walkies und Headsets und Arbeitshandschuhen und Gürteltaschen voller Spezialwerkzeug und Spezialtechnik und Geheimsprache und die lässige Profi-Attitüde und all das. Es gefiel mir. Ich wollte von da an noch viel mehr zum Film.

Geblieben von dem Film, der damals entstand (er hieß “Virus X – Atem des Todes”) ist für uns vor allem eine gute Freundschaft zwischen Anna und Leslie Malton, die Annas Mutter spielte. Deswegen, und weil Frau Malton eine großartige Schauspielerin ist, wobei die Reihenfolge der Gründe keine Rangfolge sein soll, baten wir sie auch bei “Neun Szenen”, mitzuspielen – wieder als Anna Mutter. Sie tat es und spielte uns, gemeinsam mit Anna, eine wundervolle Plansequenz von fast eine Viertelstunde Länge, mit einer großen Masse an Text und vielen Geschichten und einigen Überraschungen. So lernte ich Leslie nach all den Jahren auch kennen.

Als wir diesen Film vorbereiteten, fragten wir uns, wer denn Robert Gwisdeks Mutter spielen könnte. Die erste Idee wäre es natürlich gewesen, seine echte Mutter zu fragen, denn das ist nicht irgendjemand, sondern immerhin Corinna Harfouch. Dann aber dachten wir uns: Nein. So ein Gastauftritt wäre wundervoll und eine große Ehre, doch er würde Robert automatisch in den Sohn zweier großer Schauspieler verwandeln. Mich interessiert er aber eben nicht als Sohn, sondern als der Typ, der er selber ist.
Also keine echten Eltern.

Und dann fiel mir auf, daß zwischen Robert und Leslie eine große physiognomische Ähnlichkeit besteht. Glaubwürdige Familienkonstellationen mit Schauspielern zusammenzustellen ist etwas, das mir immer einen Heidenspaß bereitet. Ich habe oft den Eindruck, daß in vielen Film da ziemlich geschlampt wird, dabei ist es gar nicht so schwierig. Es muß etwas im Gesicht sein, das miteinander korrespondiert, und etwas in der Schwingung, Ausstrahlung, meinetwegen auch Aura der Personen. Schon hat man eine Familie.
So wurde Leslie Malton Robert Gwisdeks Mutter. Gestern war sie da. Es war eine böse, traurige und irgendwie auch lustige Szene, eine großartiger Auftritt einer etwas zu fürsorglichen Mutter, ein fieser Streit und ein abrupter Abgang, es war zugleich ein harmonischer, ruhiger, konzentrierter Drehtag und ganz davon abgesehen auch unser bisher bestes Drehverhältnis (das ist die Menge an verdrehtem Material in Relation zur Länge der gedrehten Szene). Ein gutes Drehverhältnis bedeutet, daß man nur die Einstellungen gedreht hat, die man wirklich braucht, und daß man in relativ wenigen Takes zum gewünschten Ergebnis gelangt ist. Und weil ich ja, wie alle anderen Filmemacher auch, immer wieder dieselben Schauspieler besetze, hoffe ich, daß wir noch manch solche schönen Tage unter guten Verhältnissenmit Leslie Malton und gutem Drehverhältnis erleben dürfen.

Leslie Malton am Set