Regensburg
August 13, 2010
In Regensburg bin ich aufgewachsen. Stimmt gar nicht, ich kam erst nach der 11. Klasse hierher, habe Oberstufe, Abi und Zivildienst hier absolviert, es waren insgesamt nur drei Jahre, aber es fühlt sich an wie eine komplette Jugend. Davor war irgendwie nix und danach schon nicht mehr Jugend. Die ältesten Freundschaften stammen von hier, sogar die Idee für den Film entstand hier, damals, vor langer Zeit, als ich selber Zivi war und jeden Tag mit meinem „Behinderten“, wie soll man das eigentlich anders sagen, an der Uni herumlief und mich bestens mit ihm verstand. Und heute endet hier unsere Tour, im wunderschönen alten Garbo, einem der Kinos, in denen ich damals auch immer saß und mit der ganzen Hybris der Jugend alles anders machen wollte als in den Filmen, die ich da sah. Wir kommen an und kommen erstmal nicht weiter, denn heute ist hier Triathlon. Die ganze Stadt ist abgesperrt. Wir parken irgendwo und gehen zu Fuß weiter, an der Marathonstrecke entlang. Abgekämpfte, ausgemergelte, kaputte Menschen mit rötlich-blauer Hautfarbe, unter der Haut nur Muskeln und Knochen und Adern, schleppen sich mit letzter Kraft an uns vorbei und werden von übergewichtigen, bleichen, formlos-schwabbeligen Familienmitgliedern am Streckenrand angefeuert. Zwei ungesunde Lebensformen werden hier anscheinend jeweils bis ins Extrem betrieben, aber vielleicht irre ich mich da auch, vielleicht wird eine der beiden Fraktionen mich dereinst hohnlachend im Pflegeheim besuchen, wo ich dann vor mich hinvegetiere, weil die Wissenschaft mittlerweile herausgefunden haben wird, daß mäßig Sport und viel Fahrradfahren das allerungesündeste sind.
Was man wissen muß: Regensburg ist das größte Stück Mittelalter, das in Deutschland überhaupt am Stück stehengeblieben ist. Es gibt eine gotische Kathedrale, die nicht wie der Kölner Dom auf einer Betonplatte am Bahnhof geparkt ist, sondern inmitten von gleichaltrigen Gebäuden sozusagen artgerecht gehalten wird. Es gibt eine riesengroße mittelalterliche steinerne Brücke, die 300 Meter weit die Donau überspannt, und wenn man drübergegangen ist, erblickt man Biergärten, so weit das Auge reicht. Regensburg ist voller Kirchen. Regensburg ist voller Kneipen in mittelalterlichen Kreuzgewölben. Es gibt Gassen, so schmal, daß man links und rechts die Wände berühren kann, und dann kommt man auf einen Platz und steht plötzlich wieder vor der strahlend hellen Domfassade. Wir laufen durch die Stadt, vorbei an herrlichen verwinkelten mittelalterlichen Gebäuden, Anna und ich brechen permanent in nostalgische Jubelschreie aus und denken zurück an unsere nicht komplett unbeschwerte, aber immerhin Jugend, damals, als die Stadt noch viel verwunschener war und nicht so terrakottafarben renoviert, wie ein aus der Zeit gefallenes Stück Mittelalter und zwanzigstes Jahrhundert, mit seltsamen 68er-Kneipen und Studentenkneipen und Oma-Cafés und Künstlerlokalen und vor allem diesem niedlichen kleinen Stadttheater mit dem sogenannten Jugendclub, wo wir Teil einer Jugendbewegung waren und lauter theaterverrückte Teenager sich trafen und vor lauter Intensität nicht ein noch aus wußten, damals.
Die erschöpften Marathonläufer schleppen sich immer noch durch die Stadt und sehen aus wie Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung, während wir uns auf den Weg zum Kino machen. Damals, als ich in Regensburg jung war und dauernd ins Kino ging, hatte Regensburg eine ziemlich tolle Kinolandschaft. Die beherrschende Figur war Werner Hofbauer, Betreiber des Ostentor-Kinos. Die Regensburger Kinos sind immer noch vielfältig, es gibt seit 1999 ein Cinemaxx, die Schachtelkinos an der Bahnhofstraße mußten zumachen, aber die meisten anderen Kinos konnten sich halten. Die beherrschende Figur ist jetzt Achim, der Sohn vom alten Hofbauer. Er betreibt das Garbo und hat auch sonst seine Finger drin, wenn es in Regensburg um Kino geht, und ist wie eigentlich alle Kinomenschen, die wir in den vergangenen Wochen kennengelernt haben, enorm sympathisch. Und das Publikum ist heute nicht irgendein Publikum. Es sind lauter alte Freunde da. Und Eltern von Freunden. Und Freunde von Eltern von Freunden. Und mein ehemaliger Schuldirektor. Großes Hallo. Großes Hurra. Als der Film dann läuft, gehen wir mit Achim Hofbauer in seine Wohnung. Achim wohnt so, wie man in der Regensburger Altstadt idealerweise zu wohnen hat, nämlich ganz oben in einem mittelalterlichen Haus, direkt am Dom, mit Dachterrasse, und von der Terrasse noch weiter hinauf, über eine improvisierte Treppe aus Bierkisten, ganz aufs Dach. Direkt nebenan ragt riesengroß der Dom in den Himmel. Die Sonne geht unter über den Türmen der Stadt. Wir sind hin und weg. Von hier kann man die ganze Welt umarmen. Wir umarmen uns erstmal gegenseitig und stoßen an aufs Ende der Tour, und daß noch möglichst viele Reisen mit vielen Filmen uns wieder nach Regensburg zu Achim aufs Dach führen mögen. Irgendwann gehen wir wieder hinunter, der Film ist aus, ein letztes Mal Publikumsgespräch, die ganzen alten Bekannten bleiben noch lange, man zieht weiter ins Orphée, Regensburgs schönstes Lokal, ach was, heute abend ist das Orphée das schönste Lokal der Welt, sogar wenn man diese ganze dämliche Nostalgie herausrechnet und sich im Hier und Jetzt entspannt. Geht nicht so ganz, die Kellnerin outet sich als alte Freundin von der kleinen Schwester von meiner Ex-Freundin und fragt mich, ob ich der wäre, der ich bin, und der bin ich in der Tat, denn die Welt ist klein und Regensburg ist die Welt und somit ebenfalls klein. Morgen fahren wir weiter und besuchen unsere in Oberbayern urlaubenden Eltern, dann nach Düsseldorf zum Frühstücksfernsehen, und dann ist sie wirklich komplett vorbei, die Tour.