Düsseldorf und Ende
August 17, 2010
Die Reisegruppe schrumpft mal wieder. Sabine und Robert verlassen uns gen Berlin, Anna und ich haben morgen ein Date mit „Volle Kanne“, der Frühstücksfernsehsendung im ZDF, von der ich Frühstücksfernsehignorant bis vor wenigen Tagen noch nicht mal wußte, daß es sie gibt. Die beiden Heimreisenden müssen früh raus, denn es gibt einen Flug zu erwischen, den sie dann allerdings verpassen. Das hat jetzt fast überhaupt nichts mit dem hier schon mehrfach erwähnten Schauspieler-Alzheimer zu tun, denn auch heute hat zwar eine hier nicht namentlich benannte Person den Personalausweis vergessen, aber dann kommt auch noch ein Stau dazu und am Ende eine Zugfahrt dabei heraus. Anna und ich frühstücken unterdessen neben Ironman-Überlebenden, die schon wieder einigermaßen lebendig aussehen, und fahren dann mit einem großen Umweg über Oberbayern nach Düsseldorf, wo wir nachts ankommen und früh wieder rausmüssen. Früher, als Kind, habe ich immer Düsseldorf und Duisburg verwechselt. Ist ja auch nicht allzu weit voneinander entfernt, Düsseldorf ist nur ungefähr dreimal so schick. Unsere Unterkunft ist wie eine seltsame Edelversion des Ortes, an dem wir zur Drehzeit in Duisburg gewohnt haben – damals hatten Anna und ich zwei Zimmer auf derselben Etage, ganz oben unterm Dach, ich konnte rausgehen auf den Balkon und bei Anna ans Fenster klopfen, der Blick ging nach hinten über einen großen Hof mit lauter Gärten, man konnte von hinten in die Wohnungen hineinsehen, und überragt wurde das ganze von einem hohen Gebäude, das nachts beleuchtet war. Heute in Düsseldorf ist das alles Punkt für Punkt genauso. Nur schicker. Komisch. Seltsam. Spooky.
Frühstücksfernsehen passiert früh, wie der Name schon sagt, also kommen wir zu nachtschlafener Zeit ins Studio und sehen aus wie aus dem Tiefschlaf gerissene Zombies – also vor allem ich, Anna sieht wie immer großartig aus, ich hingegen wanke mit halb offenem Mund, blutunterlaufenen Augen und irrem Blick durch die Räumlichkeiten, falle wahllos Menschen an und will sie auffressen, bis mich jemand packt und vor die Kamera schleift. Das Team ist sehr nett, der Moderator natürlich auch, wir werden als erstes gefragt: Ihr habt in Duisburg gedreht, Mensch, da war doch was, was sagt ihr dazu?
Ja, da war allerdings was. Während Robert und ich in Augsburg im Hotelschwimmbad herumschwammen, wurden in Duisburg massenweise Menschen in der Menschenmasse erdrückt. Wir waren davon exakt genauso schockiert wie ganz Deutschland, unsere Empfindungen gleichen exakt denen von ganz Deutschland, und mir fällt dazu auch nichts anderes ein als all das, was in den Medien von ganz Deutschland bereits gesagt wurde. Allenfalls noch, daß ich Menschenmassen nicht mag und deswegen weder Fanmeilen noch Oktoberfeste noch Fußballstadien noch Technoparaden besuche, aber das ist weder zum Thema Duisburg noch zu den Toten der Loveparade ein besonders qualifizierter Beitrag. Die besonders qualifizieren Beiträge sollte ich vielleicht eher zum eigenen Film liefern, aber das ist heute auch nicht so einfach. Wir reden drei Sätze, dann kommt ein Einspielfilm über Gewalt im Kinderzimmer und dazu dann ein Gespräch mit einem Kinderpsychologen, dann sind wir wieder dran, legen das angebissene Brötchen beiseite und beantworten eine weitere Frage, dann kommt ein Beitrag über den Alltag eines Gerichtsvollziehers in Berlin, dann reden wir wieder drei Sätze, dann kommt der Volle-Kanne-Gartenexperte und erzählt, daß man jetzt Triebe von Sträuchern abschneiden und mit Bewurzelungspuder bestäuben und wieder in die Erde stecken kann, dann sind wir wieder dran und dann wieder something completely different. Das ganze stört mich auch gar nicht besonders, ich kann nach drei Wochen Kinotour jede erdenklich Frage zum Film mit einem knackigen Zwei-Sätze-Statement im Handstreich zu Boden ringen und interessiere mich in den zahlreichen Pausen vor allem für das Frühstück vor uns auf dem Tisch, das ist jetzt nämlich die Rache für die letzten zwölf Jahre, die ich in allen möglichen Funktionen beim Film verbracht habe, da wurden immer die tollsten Delikatessen vor der Kamera aufgebaut, aber man durfte sie nicht anfassen, weil es Requisiten waren, und wer Requisiten ißt, der fickt auch Komparsen, sagen zumindest jene Leute, die auch immer behaupten, Film sei Krieg, womit sie aber genauso unrecht haben. Heute darf man die Requisiten essen. Mahlzeit. Irgendwann ist alles vom Tisch und gegessen und die Sendung vorbei. Wir fahren nach Hause. Sechs Stunden bis Berlin mit einem Zwischenstop in Essen, wo Anna sich ein Cello abholt, das sich aus einem Gespräch am Anfang dieser Tour in Gelsenkirchen ergeben hat. Da standen nämlich ein paar Musiker vom Orchester beieinander, einer davon fragte Anna, ob sie nach dem Film mit dem Cello weitergemacht habe. Nein, sagte sie, ich würde gerne, habe aber kein Instrument. Kein Problem, erwiderte ein anderer, ich hätte da ein Cello im Dornröschenschlaf, wenn du willst, leihe ich es dir. Gesagt, getan, hingefahren, nochmal gefrühstückt, Cello mitgenommen, heimgefahren, das nette kleine Auto vollgetankt und saubergemacht und die in übermütiger Hurra-Tour-Stimmung hinten draufgeklebten Renn-Wenn-Du-Kannst-Aufkleber wieder mühevoll entfernt und zurück zu Avis in die Tiefgarage gefahren, Kinotour vorbei, Schluß, aus, Ende, zurück ins Privatleben.
Und jetzt? Was war, was bleibt, was geht, wie steht’s?
Unser nettes kleines Auto ist mit uns exakt 6000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Wir sind vor Freiburg in der Sonne gebraten, vor Dresden im Platzregen untergegangen, haben monströse Staus betrachtet, zum Glück immer auf der Gegenfahrbahn, und den einen oder anderen Beinahe-Unfall beobachtet. Die geldgierigen Autobahntoilettenbetreiber nehmen neuerdings nicht mehr 50, sondern 70 Cent, allerdings nicht überall, sondern nur gelegentlich. Wir haben uns von einem grenzdebilen Navigationssystem leiten lassen, das links sagte, wenn es geradeaus meinte. Hersteller, sollte man erwähnen, war übrigens die Firma Mercedes-Benz. Wir kennen sämtliche fest installierten Blitzer, massenweise Autobahnraststätten und allerhand Parkplätze. Autobahnparkplätze sind übrigens meist namenlos, aber wenn sie doch Namen haben, dann sind die oft besonders schön. Hier die Hitliste der fünf schönsten:
5. Hansens Holz
4. Bummelskampe
3. Bretthäger Wisch
2. Waldkater
1. Krachgarten
Wir sind in vielen deutschen Fußgängerzonen herumgelaufen. Dort findet man immer dieselben Läden, und die Menschen sehen auch immer ähnlich aus, was einen aber nicht zu der irrigen Annahme verleiten darf, die Menschen wären auch immer dieselben. Sie sind immer unterschiedlich. Aber das kriegt man in der Fußgängerzone nicht mit. Die beste Art, eine Stadt nicht kennenzulernen, ist ein Spaziergang durch die Fußgängerzone. Man guckt nur die Benutzeroberfläche an, aber keiner verrät einem das Paßwort. Deswegen sind Städtereisen auch eigentlich Blödsinn. Wenn man niemanden kennt, der die Stadt kennt, kann man genausogut zuhause bleiben, und wenn man jemanden kennt, der sich auskennt, dann kann das hinterletzte Kaff auf einmal ganz eigene Reize entfalten. Zum Glück kannten wir meistens Leute, und wenn nicht, dann gab es eigentlich immer einen netten Kinomenschen, zu dem man als wildfremder Mensch kam und am Ende das Gefühl hatte, einen neu gefundenen Freund zu verlassen. Kinobetreiber sind ohnehin lustige Leute. Jedes Jahr im Sommer, erzählte uns einer, treffen sich sämtliche Kleinkinobetreiber Deutschlands und machen auf der Schwäbischen Alb eine mehrtägige Motorradtour. Im letzten Jahr gab es da auch einen Unfall, der in einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt mündete. Das ist wahre Hingabe, zwar nicht ans Kino, aber immerhin ans Motorrad.
Losgefahren sind wir in einer gewaltigen Hitzewelle, heimgekehrt sind wir in einem typisch deutschen mittelprächtig feuchtem Sommer. Die einzigen wirklich unangenehmen Leute, die uns unterwegs begegnet sind, waren ein paar Raser und Drängler. Aber selbst die haben, wenn man sie persönlich trifft, vermutlich keinen so aggressiven Gesichtsausdruck wie die Autos, in denen sie sitzen. All die anderen Leute, denen man in Deutschland im Sommer 2010 über den Weg läuft, sind mindestens okay und meistens sogar ziemlich okay. Ein paar individuellere Individuen sind darunter, die man mögen muß, aber nicht zwangsläufig mögen muß. Die allermeisten sind tolle Leute, jeweils auf ihre eigene, stille oder laute, schnelle oder langsame Art und Weise. Jeder macht so sein Ding, redet seinen lokalen Dialekt, kommt von hier oder ist irgendwann zugereist, liebt seinen Beruf oder möchte viel lieber etwas anderes machen, und die wenigsten wissen, wie interessant ihr Leben eigentlich ist, zumindest für uns durchreisende Filmschaffende. Für jede Frage, die mir gestellt wurde, hätte ich am liebsten zurückgefragt: Und Sie? Was machen Sie so? Wie sieht Ihr Alltag aus? Und dann am besten noch ein Foto, und am Ende macht man ein Buch draus, so wie es damals in den 70er und 80er Jahren viele gab: Schwarzweißfotos von Menschen im häuslichen Umfeld, am Arbeitsplatz, sonstwo, dazu ein beschreibender Text, am besten in der ersten Person, ich lebe in einer Wohngemeinschaft, weil ich bürgerliche Zwänge bewußt ablehne, sozialer Realismus, Helden des Alltags, Herlinde Koelbl fotografiert das deutsche Wohnzimmer, wieso macht eigentlich niemand mehr solche Bücher.
Ich schweife ab.
Und wo ich gerade abschweife: ARD steht für „Abriss und Renovierung Dresden“.
Wir haben, wenn man es recht bedenkt, eine gänzlich sinnlose Sache gemacht. Man stelle sich vor, ein Schriftsteller würde an einen Ort reisen, wo eine Gruppe von Leuten gemeinsam in einem Raum sitzt, der Schriftsteller würde kurz hallo sagen, dann würden alle sein Buch aufschlagen und durchlesen, der Schrifsteller geht so lange was essen oder liest ein anderes Buch, und wenn die Leute das Buch durchgelesen haben, beantwortet der Schrifsteller noch ein paar Fragen. Klingt dämlich? Genau. Aber irgendwie muß es in der Kunst wohl so sein, daß man mit dem Publikum im selben Raum ist, sein Instrument spielt, eine Geschichte erzählt, und so haben wir es eben auch gemacht und werden es wieder tun, wenn es wieder soweit ist.
Wir sind durch Deutschland gefahren, vom Meer bis zum Alpenschnee, wir haben noch Wind in den Haaren, und ich bin von der ganzen Autofahrerei so in Autofahrstimmung, daß ich mir sofort ein uraltes Auto anschaffe und gleich weiterfahre in die Ferien. Auf Wiedersehen.
August 17, 2010 at 8:11 pm
Es wird ja mehr gelesen als kommentiert, deshalb zumindest am Ende: Ein herzliches Danke für all die Einträge. Fast wie dabei gewesen zu sein.
August 20, 2010 at 9:51 am
So ist es.
Danke!