Tag eins

Januar 23, 2011

Wir beginnen unsere Dreharbeiten mit Sex und Silvesterfeuerwerk. Bettszenen sind wie Autounfälle: Irgendwie spektakulär, man hat irgendwie Angst, aber schauspielerisch sind sie eigentlich nicht so wahnsinnig schwierig. Alexander Khuon hat heute die Ehre, mit zwei verschiedenen Frauen intim zu werden, erst Anna, dann Alice. Genaugenommen nur mit einer, denn Anna entscheidet sich spontan um und läßt ihn doch nicht ran. Vorher denkt man sich: Oh Gott. Währenddessen macht man das, was man beim Film immer macht, man sagt „langsamer“ oder „schneller“ oder „bitte“ oder „danke“. Und hinterher hat man es hinter sich.

Wir drehen auf der „Alexa“, dem neuesten Digitalgeschoß, das die Firma Arri der Welt geschenkt hat. Alles sieht toll aus. Aber wir haben keine Zeit. Wir müssen weiter, wir müssen heute noch Silvester feiern und ziehen um nach Friedrichshain.

Eine leere Wohnung wurde zur Partylocation dekoriert. Es ist gar nicht so einfach, ein Filmset so aussehen zu lassen, wie eine echte Party aussieht. Irgendwie sieht es immer künstlich eingerichtet aus, da kann man noch so viele leere Flaschen auf dem Boden verteilen. Wir haben auch nur vier Komparsen, also ist es wohl eine dieser Partys, wo um halb zwölf alle schon besoffen in der Ecke liegen. Auf einmal steht eine erboste Frau in der Wohnung und beschwert sich über unsere Anwesenheit. Dabei waren wir doch bisher noch relativ leise, das Feuerwerk kommt doch erst, aber das wäre jetzt vielleicht nicht der richtige Argumentationsstrang. Der Aufnahmeleiter hört mit ernster Miene zu und nickt. Ich würde die erboste Frau gern fragen, ob sie mitspielen möchte, aber das wird sie wohl vermutlich nicht wollen. Sie verschwindet. Als wir drehen, wird über unseren Köpfen lautstark herumgetrampelt. Dann taucht die erboste Frau plötzlich auf dem Balkon schräg über uns auf und informiert uns, daß irgendwelche Besitzer auf dem Weg zu uns wären, und dann beschimpft sie noch Jacob, den Tonmann. Es ist ja immerhin schon 20:30 Uhr. Wir hören zu, nicken, gucken weg und sagen nix. Das funktioniert immer ganz gut. Und dann ist Silvester. Mir wurde gesagt, wir hätten so Batterien, die 30 Sekunden lang Leuchtkugeln in die Luft schießen. Das passiert auch, aber vor allem passiert 30 Sekunden lang infernalischer Radau. Danach ist Ruhe, auch in der Wohnung über uns, die erboste Frau hat das vielleicht irgendwie als Kriegserklärung aufgefaßt. Dabei war das erst der Anfang. Jetzt gehen wir nämlich raus und feiern richtig Silvester. Außentotale, Fassade, bis 22 Uhr hat das Ordnungsamt uns Schießerei erlaubt, und unsere Aufnahmeleiter haben auch ganz brav die Anwohner-Info ausgeteilt. Christin, die Außenrequisiteurin, hat einen großen Karton mit Feuerwerkswaren, die sie mit großer Sachkenntnis und einer gewissen Freude vor uns ausbreitet, vor der Häuserzeile stehen fünf Gruppen von Leuten, drei unserer Komparsen trauen sich zu zündeln,  in der Parallelstraße, eins weiter hinten, stehen nochmal Leute und schießen Raketen ab. Alle haben ein Walkie-Talkie. Wir haben zwei Versuche. Alle sind angespannt. Ich stehe mit Alex, dem Kameramann, und Alexa, der Kamera, und Kai, dem Schärfenzieher, zehn Meter hoch auf einem sogenannten Scherenhubpodium. Das hier ist ein kleiner, schneller Handkamerafilm, aber es gibt genau eine Einstellung, die wir mit großem Aufwand vom Stativ drehen, und das ist diese. Kamera ab. Stillgestanden, sonst wackelt die Arbeitsbühne. Feuer frei. Der Himmel steht in Flammen. Prost Neujahr.

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