Tag 6

Januar 26, 2011

Wir müssen! Wir müssen! Heute sind wir im Baumarkt. Und dann kurz in der Wohnung. Und dann wieder unten auf der Straße. Und dann drehen wir Autofahrten. Und dann noch eine Silvesterszene. Wenn ein Filmteam seine Sachen einpackt und den Drehort wechselt, dann nennt man das „Umzug“. Ist nämlich auch einer. Und unser Umzugsfilm ist nun mal ein Umzugsfilm. Im Baumarkt: Alles bestens. Wir drehen natürlich im laufenden Betrieb und sperren nicht ab. Wer durchs Bild spaziert, ist drin. Klappt bestens. Die Leute erledigen ihre Baumarkteinkäufe mit einer Routine, als würden da immer Kamerateams mit Rollstühlen herumfahren. Alex sitzt nämlich in einem Rollstuhl und hat die Kamera auf der Schulter, Sven zieht ihn rückwärts durch einen Gang, dahinter läuft der Kameraassistent, der Tonangler und ich, vor der Kamera spazieren Anna und Jacob. Zwischendurch müssen wir kurz warten, weil ein Mitarbeiter einem Kunden die Klebstoffe erklärt. Am Regal hängt ein roter Flachbildschirm, der ab und zu plötzlich anfängt, mit uns zu reden. Man soll einen Barcode scannen, dann bekommt man das dazugehörige Produkt erklärt. Machen wir nicht. Wir sind ein ernster Film, bei uns reden die Leute auch im Baumarkt nur über essentielle Dinge. Drehen, fertig, rein, raus, weiter in die Wohnung. Jacob sucht Mitbewohner. Es bewerben sich meine geschätzten Kollegen Max Erlenwein, Regisseur von „Schwerkraft“, und Christian Schwochow, der Mann hinter „Novemberkind“. Einziehen darf am Ende aber Christian Ehrich, unser famoser Hauptdarsteller aus „Neun Szenen“, lang ist’s her. Kurze Bilder ohne Dialog, schnell wieder raus, Mittagspause, dann geht’s auf dem Gehweg weiter. Aylin kommt aus dem Haus marschiert, in das sie gerade einziehen wollte, und hält ihrem frischgebackenem Exfreund eine kurze, aber heftige Standpauke. Die Kamera, also Alex und allerhand andere Menschen, rennt mit. Aylin rennt vorwärts, also rennt Alex rückwärts. Es regnet. Wir sperren schon wieder nicht ab. Passanten biegen um die Ecke und stehen auf einmal vor einem Filmteam. Komischerweise lassen sie sich ihre Überraschung anmerken. Wir sperren doch ab. Das letzte Bild: Aylin kommt aus dem Haus und fährt weg. Das bedeutet, einer vom Team sitzt schon im Wagen und fährt weg. Aylin muß sich also irgendwie hinter dem Auto verstecken. Was aber wegfährt. Nach links kann sie nicht abgehen, nach rechts auch nicht. Toller Trick: Noch jemand vom Team wartet hinter dem Auto mit einer Jacke und einem Regenschirm. Aylin wirft die Hecktür ins Schloß, verschwindet hinter dem Auto, wirft sich selber in die Jacke, das Auto fährt weg, und im Hintergrund spaziert ein glückliches Paar mit Regenschirm den Gehweg entlang. Toll. Ganz toll. Nicht zu sehr freuen, wir müssen weiter. Ab ins Auto. Nach hinten rausgucken. Für einen kurzen Moment sitze ich allein neben der Kamera und warte, da kommt Julia, die Fahrerin, anspaziert und sagt:

-Bernd Eichinger ist gestorben. Wollte ich dir nur mal erzählen.

Wer? Was? Wie? Der Eichinger? Der Bernd?

Das Boot? Der Untergang? Die Unendliche Geschichte? Genau, damals, ich mit 6 Jahren im Kino, hin und weg. Dann mit 9 Jahren bei der Lektüre des dazugehörigen Buchs der Eindruck: Der Film war im Vergleich doch eher dämlich. Wieder 20 Jahre später beim Wiedersehen auf DVD: Mensch, war doch nett, damals. Könnte man noch länger drüber nachdenken, geht nicht, wir müssen. Aylin steuert einen Sprinter durch die Nacht. Bernd, in diesem Fall unser Regieassistent namens Bernd, liegt mit einem Walkie zu ihren Füßen. Wir fahren vorneweg. Wir drehen. Wir fahren irgendwo rechts ran. Wir bauen um. Die Kamera geht auf den Beifahrersitz. Ich quetsche mich dazwischen. Wir fahren wieder los. Freestyle. Zoomen. Schärfe ziehen. Weiter zum letzten Motiv. Aylin hat den Sprinter irgendwo in die Pampa gestellt und macht es sich gemütlich. Dann kriegt sie Besuch von Katharina. Es ist Silvester. Eigentlich ist das ein stummes Bild, wird ja eh nix gesprochen, ist ja eh mitten unter einem Autobahnkreuz, aber Jacob und Bilge, die Tonleute, sind aus heldenhaftem Entschluß mitgekommen und halten die Angel – verdammt! – doch noch haarscharf aus der Bildkante. Wir müssen. Wir sind zu spät. Licht. Kamera. Totale. Nah ran. Kann man das schneiden? Klar, man kann alles schneiden. Wunderkerzen. Sekt. Freude. Drehschluß! Standfotos! Es ist stockdunkel! Egal, Empfindlichkeit hochjagen, dann rauscht’s halt! Und weiter zum nächsten Motiv. Wir müssen. Und zwar den Plan von morgen besprechen.

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