Tag 4

Januar 31, 2011

Unser Film spielt dort, wo alles beginnt und alles endet, nämlich zwischen Kisten und Kartons. Behaupte ich. Stimmt aber gar nicht. Alles beginnt, na ja, irgendwo, und enden tut es oft im Seniorenheim. Da drehen wir heute. Anna oder besser gesagt die Rolle, die sie spielt, macht einen auf soziales Engagement und liest im Seniorenheim die Weihnachtsgeschichte vor. Heute ist nämlich Weihnachten, zwar nicht in Wirklichkeit, aber im Film. Vor uns sitzt ein Raum voll älterer Herrschaften, bei denen wir uns nicht ganz sicher sind, ob sie den Unterschied zwischen Film und Wirklichkeit noch so ganz mitkriegen, und mittendrin sitzt Frau Penski. Frau Penski ist 83 und topfit an Leib und Seele. Frau Penski war ihr Leben lang Sportlehrerin, dann ging sie in Pension und erinnerte sich wieder daran, daß sie sich ja schon immer fürs Kino begeistert hatte. Sie war schon Komparsin in Veit Harlans „Kolberg“, damals war sie 15. Mit 60 wurde sie wieder Komparsin, wurde immer mehr gebucht, und inzwischen ist sie beim deutschen Film eine gewisse Größe, es gibt nämlich in ihrer Altersgruppe gar nicht mehr viele Leute, die so einen Dreh einfach so wegstecken und auch noch Spaß daran haben. Sie hat mit Johannes Heesters gedreht und mit Til Schweiger und mit Leander Haußmann und überhaupt mit allen. Als wir die Besetzung für Annas Oma suchten, mußten wir nicht lange suchen. Wir schauten uns ein paar Vorschläge an und saßen dann sehr schnell bei Frau Penski im Wohnzimmer, es gab Kaffee und Kekse und unzählige Geschichte, unsere Gastgeberin blieb nie lange auf ihrem Stuhl sitzen, es gab zu viel zu erzählen vom Film und von Musikvideos und von ihrer Seniorengymnastikgruppe, die sie einmal die Woche leitet. Nur mit dem Volleyballspielen hat sie vor einiger Zeit aufgehört. Jetzt ist sie hier am Set, und sobald die Kamera läuft, sinkt sie zusammen in ihrem Stuhl und guckt leer ins Leere, nur um gleich danach wieder aufzuwachen und sich des Lebens zu freuen. Wenn ich mal 83 bin, will ich auch so sein wie Frau Penski. Wenn man das nur in der Hand hätte. Vielleicht enden wir auch alle mal hier. Vielleicht wird auch in 50 Jahren jemand in einem Haus wie diesem zu mir sagen:

-Nein, Herr Brüggemann, sie müssen nicht zum Set. Sie müssen jetzt keine Muster sichten. Die Zeiten sind lang vorbei. Essen Sie mal schön Ihren Teller leer.

Die 50 Jahre, die mir bei optimistischer Schätzung bis dahin noch bleiben, beginnen auf alle Fälle mit diesem inszenierten Weihnachtsabend. Heute ist Marie Gronwald ist zu Besuch, eine Journalistin, die wir kennengelernt hat, als sie uns beim letzten Film für die „Zitty“ interviewte. Marie sitzt im Rollstuhl und ist ziemlich schwer behindert, aber sie hat ihr Leben in der Hand, studiert und schreibt Bücher und Zeitungsartikel. Marie erzählt Anna später, einer unserer Senioren hätte am Ende gefragt: Wann gibt’s denn jetzt die Geschenke?

Oh mein Gott. Beim letzten Film haben wir ein dreijähriges Mädchen an der Nase herumgeführt, diesmal also Senioren. Meine verbleibenden optimistisch geschätzten 50 Lebensjahre führen mich aber zunächst weiter in Annas Film-Elternhaus. Hier erwartet uns eine, die immer dabei sein muß, wenn wir drehen, nämlich Leslie Malton, heute mal wieder als Annas Mutter zu sehen. Und jemand, mit dem ich schon immer drehen wollte, nämlich Herbert Knaup. Wir sind heute nicht in einem eingerichteten Set, sondern in einem bewohnten Haus. Also Matten auslegen, behutsam sein, Schuhe ausziehen. Unsere Gastgeber sind auch da, was man beim Film eigentlich nicht so mag, lieber hat man sie im Hotel oder sonstwo, aber sie sind nette Leute und sind zum Glück ausgesprochen entspannt. Anna erlebt mit ihren Eltern einen heiter-beschwingten Weihnachtsabend und steht am Ende heulend auf der Terrasse, bis ihre demente Oma dazukommt und sie tröstet. Aus, danke, und schon verwandelt die demente Oma sich wieder in die topfitte Frau Penski. Bernd, der stets umfassend organisierte Regieassistent, hat doch tatsächlich veranlaßt, daß sie einen Blumenstrauß bekommt. Wir sind pünktlich fertig und verabschieden uns ins Wochenende, helfen der Technik noch ein bißchen raustragen, machen ein Erinnerungsfoto mit Frau Penski, unterhalten uns noch ein wenig mit den Schauspielern im Maskenmobil, Herbert erzählt von seiner Familie, auf einmal sind wir selber eine Familie, schließlich stehe ich mit den letzten Verbliebenen vor dem Haus im nächtlichen Zehlendorf und fahre schließlich mit den Tonleuten zurück nach Kreuzberg. Filmemachen ist doch irgendwie ganz schön schön. Ich freue mich auf die verbleibenden 50 Jahre, optimistisch geschätzt.

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