Tag 5

Februar 1, 2011

Wenn es beim Film einen Feind gibt, dann das Wetter. Es spielt nie mit. Wenn man Sonnenschein braucht, hagelt es, wenn es bedeckt sein soll, scheint die Sonne, und Schnee kann man eh vergessen, es sie denn, man will Ende September noch Sommer erzählen, denn dann schneit es garantiert. Wir erzählen hier bekanntlich Winter, noch vor zwei Wochen sah Berlin aus wie Novosibirsk, aber pünktlich zu Drehbeginn war alles weg. Nur heute haben wir Glück. Wir treffen uns sehr früh morgens im Park und drehen Kleinkram: Alle fahren Fahrrad. Alle laufen auf der Wiese herum. Es liegt schon eine dünne Schneedecke, und siehe da, hurra: Sobald die Kamera läuft, fallen weiße Flocken, und es sieht gar wundervoll aus und schon gar nicht nach Kleinkram.

Später am Tag würgen wir einen Umzugswagen auf einer Kreuzung ab. Von unseren acht Hauptdarstellern haben fünf einen Führerschein, und die anderen drei sitzen heute in diesem Auto. Also haben wir uns im Team umgesehen, wer Robert am ähnlichsten sieht. Die Wahl fiel auf Mischa, den Szenenbildassistenten, der trägt jetzt Roberts Kostüm und sitzt am  Steuer. Anfahren, abwürgen, um den Block fahren, auf Anfang. Mischa, laß es krachen! Tret auf die Bremse! Haut nicht so hin. Geht da noch mehr? Ich sehe Robert zwar nicht so wahnsinnig ähnlich, tausche trotzdem mit Mischa die Kleider und probiere es selber. Haut auch nicht hin, uns kommt nämlich gerade die Polizei entgegen. Irgendwann haut es doch hin. Der Rest des Tages spielt größtenteils in Treppenhäusern. Einerseits läßt Anna eine Kiste fallen, andererseits beschwert sich ein erboster Nachbar über nächtliches Sofaschleppen. Und diesen Nachbarn spielt nicht irgendwer, sondern Daniel Nocke. Der ist eigentlich kein Schauspieler, sondern Drehbuchautor, und eigentlich auch kein Drehbuchautor, sondern Animationsfilmer. Ich kanne ihn vorher nicht persönlich, aber ich liebe und verehre den Film „Sie haben Knut“, zu dem Daniel das Drehbuch geschrieben hat und auch selber eine wirklich umwerfende Rolle spielt. Dieser Film handelt wie unserer von einer Gruppe von eher jungen Leuten. Es ist ein Ensemblefilm mit umwerfenden, bitterbösen, großartigen Szenen und Dialogen. Wer endlich mal abschließende Antworten haben will zu gleich drei Themenkomplexen, nämlich Gruppendynamik, Polit-Betonköpfigkeit und Beziehungsverkorksung, der möge sich „Sie haben Knut“ angucken. Daniels Gastauftritt war mir ein echtes Anliegen, und ich schrieb ihm so lange Liebesbriefe, bis er nachgab, von Hamburg nach Berlin reiste und bei uns mitspielte. Es hat sich gelohnt. Überhaupt ist es ein wunderschönes Spiel, das wir bei diesem Film ausgiebig betreiben, auch kleine Rollen nicht einfach mit irgendjemand zu besetzen, sondern mit Laien, Freunden und Filmschaffenden, die sonst eher hinter der Kamera arbeiten. Es macht den Film schöner, reicher, tiefer, breiter, wahrer, runder und im Zweifelsfall auch eckiger.

Auch schön, gerade in dialoglastigen Dialogfilmen: Ausgiebige Montagesquenzen zu Musik. Alice fährt am Heiligabend allein mit dem Zug durch die Nacht. Wir ziehen im winzigkleinen Team, nur Alex und Kai und Bernd und natürlich Alice und die Kamera und ich, zum Südkreuz, treffen den netten Kerl von der Bahn, steigen in einen ICE und drehen bis Spandau eine Fülle an wunderschönen Bildern, in denen ein wunderschönes Mädchen traurig und allein am Fenster sitzt und draußen die Lichter der Stadt wunderschön vorbeiziehen. Mir fiel sowieso schon mal auf, daß mein Anspruch hier ja eigentlich ist, einen Film über total normale Leute zu machen, wir aber acht Schauspieler besetzt haben, die allesamt total toll aussehen. Möglicherweise wird mir das später in Kritiken vorgehalten werden, das sei alles geschönt, gelackt, auf Hochglanz poliert, die Bilder würden lügen, und ich werde mich zerknirscht schuldig bekennen müssen. Andererseits sagte Anna heute zu mir, als ich ihr das Problem erörterte: Ach, weeßte, frame a face and it will be beautiful, wa. Anna und ich tauschen nämlich immer, wenn wir uns treffen, glitzernde Weisheiten in akzentfreiem Englisch aus, eingerahmt von Berliner Slang. Und, wat soll ick sagen, she’s somewhat right, Alta. Anna hat meistens recht. Sieht ja auch total toll aus. Ich hingegen, na ja, treffe mich nach Drehschluß mit meinem uralten Freund Basti, der im Jahrgang über mir Abi gemacht hat und in meinen allerersten Amateurfilmen die Hauptrollen gespielt hat und jetzt Mediziner ist und in Berlin wohnt, und trinke mit ihm ein Bier, zusammen sehen wir nämlich auch total toll aus, und zwar schon seit 1995.

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One Response to “Tag 5”

  1. christine kükenshöner Says:

    kommt in deinem film vielleicht auch noch eine junge Pfarrerin aka pastorin vor? in dem fall würde ich mich gern anbieten – von wegen reicher, tiefer, breiter, wahrer, runder … nun ja, die vikarin will offenbar dem pastoralen leben malwieder entfliehen und da ist sie auf deinen blog gestoßen und hat sich festgelesen und hat ein bisschen geträumt … nun ja, hab es gut, nine


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