Das Ende vom Anfang

Mai 3, 2011

Weil die Zeit rast, ist der Frühlingsteil jetzt auch schon abgedreht. Die Bloggerei ist dabei komplett unter den Tisch gefallen, aber man kann sie nachholen. Hier liegen ohnehin noch allerhand unfertige Texte vom Januar herum, also verwerte ich die jetzt erstmal.

Tag 7

Man entwickelt ja mit der Zeit seine Marotten. In den Wochen vor Dreh, die für mich im Wesentlichen aus Motivbesichtigungen und Kostümproben bestanden, was wiederum an den vielen Spielorten und den vielen Schauspielern liegt, da sagte ich irgendwann ständig zu allen Schauspielern:

-Du kannst ja eigentlich alles tragen.

Was durchaus auch stimmte. Und jetzt, immer wenn ich Robert und Alice sehe, die im Film am Anfang zusammen sind und am Ende nicht mehr, muß ich jedesmal aufs neue feststellen:

-Ihr seid so ein schönes Paar. Schade, daß das nicht klappt mit euch.

So was verselbstständigt sich irgendwann. Möglicherweise hassen sie mich inzwischen dafür. Möglicherweise sind sie auch nur leicht genervt. Der Umgang mit Schauspielern ist ja eine diffizile Sache, da kann man allerhand Fehler machen, deswegen machen einige Regiekollegen einfach gar nichts und reden die ganze Zeit nur mit ihrem Kameramann, was dann aber auch ein Fehler ist, aber für diesen Fehler gibt es immerhin Schauspiel-Coaches, die den Schauspielern beibringen, wie man sich durchwurstelt, wenn der Regisseur mal wieder den ganzen Tag nichts zu ihnen sagt oder nur Blödsinn redet.

Der heutige Tag gehört auf alle Fälle Alice Dwyer und Robert Gwisdek. Sie durchlaufen heute einmal komplett ihre Film-Beziehung, und zwar nicht linear, sondern kreuz und quer durch die verschiedensten Stadien. Erst Rückkehr und Versöhnung, dann gemeinsames Einrichten, dann emotionales Fremdgehen in aller Unschuld, dann macht jeder seins, dann der große Streit, der all dem vorausging, dann die Stille nach dem Streit, und schließlich noch der Glücksmoment ein paar Tage vorher, wenn nach einem etwas mißglückten Umzug irgendwann nachts der letzte Karton hochgetragen ist, man die Matratze auf den Boden und sich selbst auf die Matratze fallen läßt und jetzt zusammen hier wohnt. Ein schöner, konzentrierter Tag, ohne Umzüge, ohne Hektik, nur ein kleines Filmteam und zwei Schauspieler, die ich beide aus ganzem Herzen liebe, wie es ja auch mein verfluchter Job ist, aber ich liebe sie trotzdem, genau wie den Rest dieses ganzen gottverdammten Ensembles, wieso können Männer Emotionen nur dann zeigen, wenn sie von Kraftausdrücken eingerahmt werden, kann mir das mal einer erklären, verdammte Scheiße?

Tag 8

Ein kleines Team am Bahnhof Südkreuz. Eine Person fährt die Rolltreppe hinunter, eine andere hinauf. Und dann die zweite große Schießerei: Heute ist mal wieder Silvester. Wir steigen auf ein Dach in der Friesenstraße und lassen Böller steigen. Das ist natürlich wahnsinnig gefährlich auf so einem Dach, man könnte ja runterfallen, und dann haben wir noch Raketen, die nicht zünden. Die sind auch gefährlich. Außerdem ist es mal wieder sehr kalt. Also drehen wir unsere fünf Einstellungen in gemessener Eile ab und gehen dann wieder runter, um woanders weiterzudrehen, nämlich in einer Wohnung, wo vier Leute in miserabler Laune an einem Küchentisch sitzen und folgendes Gedicht rezitieren:

Dunkelheit und Depression

wird sich nie mehr heben

Jeder sitzt im Sorgensumpf

und beklagt sein Leben.

Tag 9

Großer Alarm: Corinna Harfouch ist da. Das ganze Team tritt heute in einer gewissen inneren Habachtstellung an. Unnötig zu sagen, daß das unnötig ist, aber man tut es dennoch. Unser Drehort ist ein wenig surreal, wir brauchten ein Einfamilienhaus im klasssischen BRD-80er-Jahre-Baustil, aber bitte im Berliner Umland, weil Hannover zu weit weg ist, und bitte leerstehend. Das soll mal einer finden. Wir haben es gefunden. Es liegt janz weit draußen am See und gehört einem recht bekannten Filmkomponisten, der schon zu Defa-Zeiten international tätig war, jetzt in Irland lebt und uns freundlicherweise auf seinem Anwesen drehen läßt.

Heute ist Weihnachten, die Familie sitzt am Tisch, dann entüllt der Vater eine schockierende Neuigkeit, und dann rennen alle raus in die frostige Nacht. Mein voriger Film „Renn, wenn du kannst“ spielt im Winter, war in einem Detail aber unglaubwürdig, weil die Akteure trotz Kälte keine Atemfahnen vor dem Mund hatten, das Wetter war nämlich beim Dreh schon eher frühlingshaft. Dieses Problem haben wir heute nicht. Es herrscht bitterer Frost, alle haben Eishauch vor dem Mund und schlottern und zittern. Hinzu kommt, daß die Schauspieler ja vom Eßtisch nach draußen gerannt sind und sich dementsprechend keine Jacken angezogen haben. Zum Glück ist das nur eine kurze Szene, wir machen im Haus weiter, aber die Nacht wird noch etwas länger, wir bauen heute mal ein oder zwei Überstunden. Zum Schluß, als alle im frühen Morgengrauen ihr Equipment rausräumen, schmeißen die Tonleute noch eine spontane Runde heißen Kakao. Einfach so.

Tag 10

Das Thema Frost kriegt heute noch eine weitere Dimension, es ist einfach nochmal viel kälter, und dabei ist es noch nicht mal Nacht, zumindest tagsüber. Letzteres eine reichlich sinnlose Formulierung, woran man erkennen kann, daß sogar in der Erinnerung an diesen Tag mein Hirn wieder einfriert, aber vielleicht sollte ich mir einfach mal eine anständig warme Hose anschaffen oder eine dieser Jacken mit „The North Face“ auf der Brust, die tragen beim Film eh alle. Heute drehen wir eine Bettszene ohne Sex mit Anna und Alex Khuon, dabei stellen wir fest, daß wir aus Versehen das Plakat zu „Keinohrhasen“ nachgestellt haben, und müssen erstmal nachdenken, wie wir das finden. Dann läuft Alice Dwyer vor ein vollbremsendes Auto. So etwas sieht im Film wahnsinnig unspektakulär aus, aber am Set läuft es schon unter Action, man fährt die Karre jedesmal zurück auf Anfang und achtet aufs Timing und gibt das Signal vielleicht etwas früher oder später und die Kamerabewegung muß auch dazu passen und überhaupt. Ich komme abends nach Hause, bin komplett durchgefroren und fühle mich krank, aber beim Drehen wird man nicht krank, denn morgen geht es weiter.

Tag 11

Wenn Filmemachen Zehnkampf ist, dann ist die Trailerfahrt der Stabhochsprung. Alles andere, Laufen und Springen und Werfen, ist auch für Laien einigermaßen nachvollziehbar, aber diese Disziplin entzieht sich dem gesunden Menschenverstand. Man fährt ein Auto auf einen Tieflader, installiert eine Kamera und Scheinwerfer davor oder auch daneben und fährt mit diesem Koloß auf der Straße spazieren, um zwei Menschen zu filmen, wie sie im Auto miteinander reden. Wenn sie sich wenigstens in voller Fahrt eine wilde Schlägerei liefern oder miteinander schlafen oder einfach schlafen würden, das wäre lustig, passiert aber bei den wenigsten Trailerfahrten. Auch bei uns nicht. Bei uns trennen sich zwei Leute. Simpel, banal und herzzerreißend. Außerdem hat Alex Sass, der Kameramann, auf den ich unbeschreiblich große Stücke halte, heute Geburtstag, was ich trotz der erwähnten großen Stücke leider komplett vergessen habe. Dafür habe ich mir heute von einem netten Teammitglied eine Regenhose geliehen und friere nicht so sehr.

Nach Drehschluß geht’s heute nicht nach Hause, sondern nach Esslingen. Wir fahren im kleinen Team woanders hin und drehen noch ein paar Kleinigkeiten, die in Süddeutschland passieren müssen. Wenn Filmemachen Zehnkampf ist, dann sind solche Reisen vielleicht ungefähr so, wie ich mir den Abend zwischen dem ersten und dem zweiten Wettkampftag vorstelle. Man ist irgendwie aufgedreht, raus aus dem Alltag, muß morgen wieder arbeiten, trotzdem ist erstmal Feierabend, alle sitzen in einem Auto und reden lustigen Quatsch, dann pennen irgendwann alle, dann wachen wieder alle auf und reden noch mehr Quatsch, dann hängt jemand seinen Ipod an die Anlage, dann fährt man bei Burger King raus und bestellt einmal Fleisch für die Herren und Salat für die Damen und dann fährt man wieder los und die Nacht ist noch lang.

Am nächsten Tag stehen wir früh auf und drehen eine winzig kleine Szene in einer beschaulichen Fachwerkstraße. Die Anwohner sind nett und machen uns einen Parkplatz frei, eine Dame hat nah am Klischee geparkt und bittet uns, doch arg aufzupassen, das Auto sei nämlich ihr heiligs Blechle. Dann fängt es an zu regnen, der Regen geht in Schnee über, dann sind wir fertig und fahren zurück nach Hause. Und damit wäre der Winterblock abgedreht.

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