Düsseldorf und Ende

August 17, 2010

Die Reisegruppe schrumpft mal wieder. Sabine und Robert verlassen uns gen Berlin, Anna und ich haben morgen ein Date mit „Volle Kanne“, der Frühstücksfernsehsendung im ZDF, von der ich Frühstücksfernsehignorant bis vor wenigen Tagen noch nicht mal wußte, daß es sie gibt. Die beiden Heimreisenden müssen früh raus, denn es gibt einen Flug zu erwischen, den sie dann allerdings verpassen. Das hat jetzt fast überhaupt nichts mit dem hier schon mehrfach erwähnten Schauspieler-Alzheimer zu tun, denn auch heute hat zwar eine hier nicht namentlich benannte Person den Personalausweis vergessen, aber dann kommt auch noch ein Stau dazu und am Ende eine Zugfahrt dabei heraus. Anna und ich frühstücken unterdessen neben Ironman-Überlebenden, die schon wieder einigermaßen lebendig aussehen, und fahren dann mit einem großen Umweg über Oberbayern nach Düsseldorf, wo wir nachts ankommen und früh wieder rausmüssen. Früher, als Kind, habe ich immer Düsseldorf und Duisburg verwechselt. Ist ja auch nicht allzu weit voneinander entfernt, Düsseldorf ist nur ungefähr dreimal so schick. Unsere Unterkunft ist wie eine seltsame Edelversion des Ortes, an dem wir zur Drehzeit in Duisburg gewohnt haben – damals hatten Anna und ich zwei Zimmer auf derselben Etage, ganz oben unterm Dach, ich konnte rausgehen auf den Balkon und bei Anna ans Fenster klopfen, der Blick ging nach hinten über einen großen Hof mit lauter Gärten, man konnte von hinten in die Wohnungen hineinsehen, und überragt wurde das ganze von einem hohen Gebäude, das nachts beleuchtet war. Heute in Düsseldorf ist das alles Punkt für Punkt genauso. Nur schicker. Komisch. Seltsam. Spooky.

Frühstücksfernsehen passiert früh, wie der Name schon sagt, also kommen wir zu nachtschlafener Zeit ins Studio und sehen aus wie aus dem Tiefschlaf gerissene Zombies – also vor allem ich, Anna sieht wie immer großartig aus, ich hingegen wanke mit halb offenem Mund, blutunterlaufenen Augen und irrem Blick durch die Räumlichkeiten, falle wahllos Menschen an und will sie auffressen, bis mich jemand packt und vor die Kamera schleift. Das Team ist sehr nett, der Moderator natürlich auch, wir werden als erstes gefragt: Ihr habt in Duisburg gedreht, Mensch, da war doch was, was sagt ihr dazu?

Ja, da war allerdings was. Während Robert und ich in Augsburg im Hotelschwimmbad herumschwammen, wurden in Duisburg massenweise Menschen in der Menschenmasse erdrückt. Wir waren davon exakt genauso schockiert wie ganz Deutschland, unsere Empfindungen gleichen exakt denen von ganz Deutschland, und mir fällt dazu auch nichts anderes ein als all das, was in den Medien von ganz Deutschland bereits gesagt wurde. Allenfalls noch, daß ich Menschenmassen nicht mag und deswegen weder Fanmeilen noch Oktoberfeste noch Fußballstadien noch Technoparaden besuche, aber das ist weder zum Thema Duisburg noch zu den Toten der Loveparade ein besonders qualifizierter Beitrag. Die besonders qualifizieren Beiträge sollte ich vielleicht eher zum eigenen Film liefern, aber das ist heute auch nicht so einfach. Wir reden drei Sätze, dann kommt ein Einspielfilm über Gewalt im Kinderzimmer und dazu dann ein Gespräch mit einem Kinderpsychologen, dann sind wir wieder dran, legen das angebissene Brötchen beiseite und beantworten eine weitere Frage, dann kommt ein Beitrag über den Alltag eines Gerichtsvollziehers in Berlin, dann reden wir wieder drei Sätze, dann kommt der Volle-Kanne-Gartenexperte und erzählt, daß man jetzt Triebe von Sträuchern abschneiden und mit Bewurzelungspuder bestäuben und wieder in die Erde stecken kann, dann sind wir wieder dran und dann wieder something completely different. Das ganze stört mich auch gar nicht besonders, ich kann nach drei Wochen Kinotour jede erdenklich Frage zum Film mit einem knackigen Zwei-Sätze-Statement im Handstreich zu Boden ringen und interessiere mich in den zahlreichen Pausen vor allem für das Frühstück vor uns auf dem Tisch, das ist jetzt nämlich die Rache für die letzten zwölf Jahre, die ich in allen möglichen Funktionen beim Film verbracht habe, da wurden immer die tollsten Delikatessen vor der Kamera aufgebaut, aber man durfte sie nicht anfassen, weil es Requisiten waren, und wer Requisiten ißt, der fickt auch Komparsen, sagen zumindest jene Leute, die auch immer behaupten, Film sei Krieg, womit sie aber genauso unrecht haben. Heute darf man die Requisiten essen. Mahlzeit. Irgendwann ist alles vom Tisch und gegessen und die Sendung vorbei. Wir fahren nach Hause. Sechs Stunden bis Berlin mit einem Zwischenstop in Essen, wo Anna sich ein Cello abholt, das sich aus einem Gespräch am Anfang dieser Tour in Gelsenkirchen ergeben hat. Da standen nämlich ein paar Musiker vom Orchester beieinander, einer davon fragte Anna, ob sie nach dem Film mit dem Cello weitergemacht habe. Nein, sagte sie, ich würde gerne, habe aber kein Instrument. Kein Problem, erwiderte ein anderer, ich hätte da ein Cello im Dornröschenschlaf, wenn du willst, leihe ich es dir. Gesagt, getan, hingefahren, nochmal gefrühstückt, Cello mitgenommen, heimgefahren, das nette kleine Auto vollgetankt und saubergemacht und die in übermütiger Hurra-Tour-Stimmung hinten draufgeklebten Renn-Wenn-Du-Kannst-Aufkleber wieder mühevoll entfernt und zurück zu Avis in die Tiefgarage gefahren, Kinotour vorbei, Schluß, aus, Ende, zurück ins Privatleben.

Und jetzt? Was war, was bleibt, was geht, wie steht’s?

Unser nettes kleines Auto ist mit uns exakt 6000 Kilometer kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Wir sind vor Freiburg in der Sonne gebraten, vor Dresden im Platzregen untergegangen, haben monströse Staus betrachtet, zum Glück immer auf der Gegenfahrbahn, und den einen oder anderen Beinahe-Unfall beobachtet. Die geldgierigen Autobahntoilettenbetreiber nehmen neuerdings nicht mehr 50, sondern 70 Cent, allerdings nicht überall, sondern nur gelegentlich. Wir haben uns von einem grenzdebilen Navigationssystem leiten lassen, das links sagte, wenn es geradeaus meinte. Hersteller, sollte man erwähnen, war übrigens die Firma Mercedes-Benz. Wir kennen sämtliche fest installierten Blitzer, massenweise Autobahnraststätten und allerhand Parkplätze. Autobahnparkplätze sind übrigens meist namenlos, aber wenn sie doch Namen haben, dann sind die oft besonders schön. Hier die Hitliste der fünf schönsten:

5. Hansens Holz

4. Bummelskampe

3. Bretthäger Wisch

2. Waldkater

1. Krachgarten

Wir sind in vielen deutschen Fußgängerzonen herumgelaufen. Dort findet man immer dieselben Läden, und die Menschen sehen auch immer ähnlich aus, was einen aber nicht zu der irrigen Annahme verleiten darf, die Menschen wären auch immer dieselben. Sie sind immer unterschiedlich. Aber das kriegt man in der Fußgängerzone nicht mit. Die beste Art, eine Stadt nicht kennenzulernen, ist ein Spaziergang durch die Fußgängerzone. Man guckt nur die Benutzeroberfläche an, aber keiner verrät einem das Paßwort. Deswegen sind Städtereisen auch eigentlich Blödsinn. Wenn man niemanden kennt, der die Stadt kennt, kann man genausogut zuhause bleiben, und wenn man jemanden kennt, der sich auskennt, dann kann das hinterletzte Kaff auf einmal ganz eigene Reize entfalten. Zum Glück kannten wir meistens Leute, und wenn nicht, dann gab es eigentlich immer einen netten Kinomenschen, zu dem man als wildfremder Mensch kam und am Ende das Gefühl hatte, einen neu gefundenen Freund zu verlassen. Kinobetreiber sind ohnehin lustige Leute. Jedes Jahr im Sommer, erzählte uns einer, treffen sich sämtliche Kleinkinobetreiber Deutschlands und machen auf der Schwäbischen Alb eine mehrtägige Motorradtour. Im letzten Jahr gab es da auch einen Unfall, der in einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt mündete. Das ist wahre Hingabe, zwar nicht ans Kino, aber immerhin ans Motorrad.

Losgefahren sind wir in einer gewaltigen Hitzewelle, heimgekehrt sind wir in einem typisch deutschen mittelprächtig feuchtem Sommer. Die einzigen wirklich unangenehmen Leute, die uns unterwegs begegnet sind, waren ein paar Raser und Drängler. Aber selbst die haben, wenn man sie persönlich trifft, vermutlich keinen so aggressiven Gesichtsausdruck wie die Autos, in denen sie sitzen. All die anderen Leute, denen man in Deutschland im Sommer 2010 über den Weg läuft, sind mindestens okay und meistens sogar ziemlich okay. Ein paar individuellere Individuen sind darunter, die man mögen muß, aber nicht zwangsläufig mögen muß. Die allermeisten sind tolle Leute, jeweils auf ihre eigene, stille oder laute, schnelle oder langsame Art und Weise. Jeder macht so sein Ding, redet seinen lokalen Dialekt, kommt von hier oder ist irgendwann zugereist, liebt seinen Beruf oder möchte viel lieber etwas anderes machen, und die wenigsten wissen, wie interessant ihr Leben eigentlich ist, zumindest für uns durchreisende Filmschaffende. Für jede Frage, die mir gestellt wurde, hätte ich am liebsten zurückgefragt: Und Sie? Was machen Sie so? Wie sieht Ihr Alltag aus? Und dann am besten noch ein Foto, und am Ende macht man ein Buch draus, so wie es damals in den 70er und 80er Jahren viele gab: Schwarzweißfotos von Menschen im häuslichen Umfeld, am Arbeitsplatz, sonstwo, dazu ein beschreibender Text, am besten in der ersten Person, ich lebe in einer Wohngemeinschaft, weil ich bürgerliche Zwänge bewußt ablehne, sozialer Realismus, Helden des Alltags, Herlinde Koelbl fotografiert das deutsche Wohnzimmer, wieso macht eigentlich niemand mehr solche Bücher.

Ich schweife ab.

Und wo ich gerade abschweife: ARD steht für „Abriss und Renovierung Dresden“.

Wir haben, wenn man es recht bedenkt, eine gänzlich sinnlose Sache gemacht. Man stelle sich vor, ein Schriftsteller würde an einen Ort reisen, wo eine Gruppe von Leuten gemeinsam in einem Raum sitzt, der Schriftsteller würde kurz hallo sagen, dann würden alle sein Buch aufschlagen und durchlesen, der Schrifsteller geht so lange was essen oder liest ein anderes Buch, und wenn die Leute das Buch durchgelesen haben, beantwortet der Schrifsteller noch ein paar Fragen. Klingt dämlich? Genau. Aber irgendwie muß es in der Kunst wohl so sein, daß man mit dem Publikum im selben Raum ist, sein Instrument spielt, eine Geschichte erzählt, und so haben wir es eben auch gemacht und werden es wieder tun, wenn es wieder soweit ist.

Wir sind durch Deutschland gefahren, vom Meer bis zum Alpenschnee, wir haben noch Wind in den Haaren, und ich bin von der ganzen Autofahrerei so in Autofahrstimmung, daß ich mir sofort ein uraltes Auto anschaffe und gleich weiterfahre in die Ferien. Auf Wiedersehen.

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Regensburg

August 13, 2010

In Regensburg bin ich aufgewachsen. Stimmt gar nicht, ich kam erst nach der 11. Klasse hierher, habe Oberstufe, Abi und Zivildienst hier absolviert, es waren insgesamt nur drei Jahre, aber es fühlt sich an wie eine komplette Jugend. Davor war irgendwie nix und danach schon nicht mehr Jugend. Die ältesten Freundschaften stammen von hier, sogar die Idee für den Film entstand hier, damals, vor langer Zeit, als ich selber Zivi war und jeden Tag mit meinem „Behinderten“, wie soll man das eigentlich anders sagen, an der Uni herumlief und mich bestens mit ihm verstand. Und heute endet hier unsere Tour, im wunderschönen alten Garbo, einem der Kinos, in denen ich damals auch immer saß und mit der ganzen Hybris der Jugend alles anders machen wollte als in den Filmen, die ich da sah. Wir kommen an und kommen erstmal nicht weiter, denn heute ist hier Triathlon. Die ganze Stadt ist abgesperrt. Wir parken irgendwo und gehen zu Fuß weiter, an der Marathonstrecke entlang. Abgekämpfte, ausgemergelte, kaputte Menschen mit rötlich-blauer Hautfarbe, unter der Haut nur Muskeln und Knochen und Adern, schleppen sich mit letzter Kraft an uns vorbei und werden von übergewichtigen, bleichen, formlos-schwabbeligen Familienmitgliedern am Streckenrand angefeuert. Zwei ungesunde Lebensformen werden hier anscheinend jeweils bis ins Extrem betrieben, aber vielleicht irre ich mich da auch, vielleicht wird eine der beiden Fraktionen mich dereinst hohnlachend im Pflegeheim besuchen, wo ich dann vor mich hinvegetiere, weil die Wissenschaft mittlerweile herausgefunden haben wird, daß mäßig Sport und viel Fahrradfahren das allerungesündeste sind.

Was man wissen muß: Regensburg ist das größte Stück Mittelalter, das in Deutschland überhaupt am Stück stehengeblieben ist. Es gibt eine gotische Kathedrale, die nicht wie der Kölner Dom auf einer Betonplatte am Bahnhof geparkt ist, sondern inmitten von gleichaltrigen Gebäuden sozusagen artgerecht gehalten wird. Es gibt eine riesengroße mittelalterliche steinerne Brücke, die 300 Meter weit die Donau überspannt, und wenn man drübergegangen ist, erblickt man Biergärten, so weit das Auge reicht. Regensburg ist voller Kirchen. Regensburg ist voller Kneipen in mittelalterlichen Kreuzgewölben. Es gibt Gassen, so schmal, daß man links und rechts die Wände berühren kann, und dann kommt man auf einen Platz und steht plötzlich wieder vor der strahlend hellen Domfassade. Wir laufen durch die Stadt, vorbei an herrlichen verwinkelten mittelalterlichen Gebäuden, Anna und ich brechen permanent in nostalgische Jubelschreie aus und denken zurück an unsere nicht komplett unbeschwerte, aber immerhin Jugend, damals, als die Stadt noch viel verwunschener war und nicht so terrakottafarben renoviert, wie ein aus der Zeit gefallenes Stück Mittelalter und zwanzigstes Jahrhundert, mit seltsamen 68er-Kneipen und Studentenkneipen und Oma-Cafés und Künstlerlokalen und vor allem diesem niedlichen kleinen Stadttheater mit dem sogenannten Jugendclub, wo wir Teil einer Jugendbewegung waren und lauter theaterverrückte Teenager sich trafen und vor lauter Intensität nicht ein noch aus wußten, damals.

Die erschöpften Marathonläufer schleppen sich immer noch durch die Stadt und sehen aus wie Jesus auf dem Weg zur Kreuzigung, während wir uns auf den Weg zum Kino machen. Damals, als ich in Regensburg jung war und dauernd ins Kino ging, hatte Regensburg eine ziemlich tolle Kinolandschaft. Die beherrschende Figur war Werner Hofbauer, Betreiber des Ostentor-Kinos. Die Regensburger Kinos sind immer noch vielfältig, es gibt seit 1999 ein Cinemaxx, die Schachtelkinos an der Bahnhofstraße mußten zumachen, aber die meisten anderen Kinos konnten sich halten. Die beherrschende Figur ist jetzt Achim, der Sohn vom alten Hofbauer. Er betreibt das Garbo und hat auch sonst seine Finger drin, wenn es in Regensburg um Kino geht, und ist wie eigentlich alle Kinomenschen, die wir in den vergangenen Wochen kennengelernt haben, enorm sympathisch. Und das Publikum ist heute nicht irgendein Publikum. Es sind lauter alte Freunde da. Und Eltern von Freunden. Und Freunde von Eltern von Freunden. Und mein ehemaliger Schuldirektor. Großes Hallo. Großes Hurra. Als der Film dann läuft, gehen wir mit Achim Hofbauer in seine Wohnung. Achim wohnt so, wie man in der Regensburger Altstadt idealerweise zu wohnen hat, nämlich ganz oben in einem mittelalterlichen Haus, direkt am Dom, mit Dachterrasse, und von der Terrasse noch weiter hinauf, über eine improvisierte Treppe aus Bierkisten, ganz aufs Dach. Direkt nebenan ragt riesengroß der Dom in den Himmel. Die Sonne geht unter über den Türmen der Stadt. Wir sind hin und weg. Von hier kann man die ganze Welt umarmen. Wir umarmen uns erstmal gegenseitig und stoßen an aufs Ende der Tour, und daß noch möglichst viele Reisen mit vielen Filmen uns wieder nach Regensburg zu Achim aufs Dach führen mögen. Irgendwann gehen wir wieder hinunter, der Film ist aus, ein letztes Mal Publikumsgespräch, die ganzen alten Bekannten bleiben noch lange, man zieht weiter ins Orphée, Regensburgs schönstes Lokal, ach was, heute abend ist das Orphée das schönste Lokal der Welt, sogar wenn man diese ganze dämliche Nostalgie herausrechnet und sich im Hier und Jetzt entspannt. Geht nicht so ganz, die Kellnerin outet sich als alte Freundin von der kleinen Schwester von meiner Ex-Freundin und fragt mich, ob ich der wäre, der ich bin, und der bin ich in der Tat, denn die Welt ist klein und Regensburg ist die Welt und somit ebenfalls klein. Morgen fahren wir weiter und besuchen unsere in Oberbayern urlaubenden Eltern, dann nach Düsseldorf zum Frühstücksfernsehen, und dann ist sie wirklich komplett vorbei, die Tour.

Augsburg

August 10, 2010

Immer dieser Bewegungsdrang. Wir haben noch anderthalb Stunden Zeit, laut Stadtplan gibt es irgendwo einen Wald, also renne ich los. Der Weg führt allerdings erstmal quer durch die Augsburger Altstadt. Zwischendurch kommen mir lauter Statisten in historischen Kostümen entgegen. Irgendwo passiert heute anscheinend irgendwas mittelalterliches. Augsburg ist eine schöne alte Barockstadt, aber richtig interessant sind diese Bäche und Kanäle, die überall durch die Stadt fließen. Und Bertolt Brecht wurde hier geboren. Irgendwann lande ich tatsächlich im Stadtwald und bin schon viel zu spät dran, also gebe ich einem Automaten einen Zwanzig-Euro-Schein, bekomme dafür ein Kilo Kleingeld und fahre mit der Straßenbahn zurück.

Wir treffen uns zunächst mal im Kino. Da gibt es ein wunderschönes, riesengroßes Café. Franz Fischer, der Chef des Augsburger Thalia-Kinos, ist so ungefähr Deutschlands erfolgreichster unabhängiger Kinomacher. „Wer früher stirbt, ist länger tot“ hatte allein hier wahnsinnig viele Zuschauer. Es gibt hier im Sommer 4, also in Worten: VIER Open-Air-Kinos. Das Ulmer Open-Air, wo wir gestern waren, wird ebenfalls von Franz Fischer veranstaltet, daher ist der gut gelaunte Wolfgang Schick von gestern auch heute wieder unser Reiseleiter. Anna stößt heute zur Reisegruppe, Wolfgang begrüßt sie mit Handschlag und sagt:

˗Schick!

Anna erwidert erfreut:

˗Danke!

Dann lassen wir uns fotografieren. Das macht man hier seit jeher so. An den Wänden hängen Portraits von sämtlichen deutschen Filmschaffenden, die waren nämlich alle schon mal hier. Außerdem eines von Frank Zappa, der war zwar nicht hier, wurde aber ebenfalls von Helmut Hien fotografiert. Helmut Hien ist um die 60, ein freundlicher, zurückhaltender, fast schon schüchterner Mann, der über die Jahrzehnte wirklich alles und jeden portraitiert hat. Sein Atelier liegt neben dem Kino, und wir treten ein in einen Schrein, in dem die letzten Dekaden der deutschen Film- und Kulturlandschaft vollständig aufbewahrt sind. Hien schließt hinter uns ab, dabei bricht der Schlüssel im Schloß ab, und wir sind eingesperrt. In mir erwacht der Heimwerker, ich lasse Robert den Vortritt und widme mich der Türschloßöffnung, während Gwisdek junior von Helmut Hien mit seiner Hasselblad auf echt analogem Schwarzweißfilm abgelichtet wird. Dann ist die Tür auf, und ich bin dran, und dann ist Anna dran.

Noch eine kleine Kinobesichtigung, noch eine kleine Stadtführung, dann fahren wir ins Kino. Das „Lechflimmern“ ist ein Open-Air der Superlative, es hat nämlich zwei Säle, also zwei Liegewiesen mit Leinwand und do-it-yourself-Bestuhlung, und dazwischen eine große Wasserrutsche. Wir befinden uns nämlich wieder in einem Freibad. An der Kasse stehen zwei Schlangen, eine lange und eine kurze. Die kurze ist für „Zweiohrküken“, und die lange ist für uns! Boah, ey! Das Augsburger Publikum hat eine interessante Technik  entwickelt, sich auf den Boden zu legen, die Plastikstühle umzudrehen und als Rückenlehnen zu benutzen. Es ist voll und wird noch voller. Als Pausenmusik läuft Rock, und zwar laut. Auch heute machen wir wieder das lustige kleine Open-Air-Spaßprogramm vor dem Film. Die Stimmung ist bombastisch. Wolfgang Schick stellt sich vors Publikum und kündigt einen kurzweiligen Film an, der schon anderswo die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hingerissen haben soll. Das kann so natürlich nicht stehenbleiben, zuviel Erwartung fällt tonnenschwer auf den Film zurück, also stelle ich mich dazu und sage: Hört nicht auf ihn! Der Film ist langweilig! Und das liegt nicht allein an mir, sondern auch an meiner Co-Autorin und der Produzentin und dem Hauptdarsteller! Hier sind sie! Irgendwie macht es irsinnigen Spaß, den eigenen Film als langweilig zu denunzieren. Die Blicke, die man dafür erntet, sind unbezahlbar. Ich kümmere mich noch ein wenig um den Ton, er scheppert mal wieder ein bißchen, mir doch egal, ich gehe rüber zu Robert, Anna und Sabine in den ersten Saal, und wir gucken uns zusammen „Zweiohrküken“ an. Was wir dabei empfinden, kann ich jetzt nicht mehr sagen, weil ich es inzwischen vergessen habe. Der Rest ist wie immer. Also schön. Unsere zwei Cousinen aus München und Aschaffenburg sind da, eine davon hat ihre Augsburger Nichten mitgebracht, wir machen einen auf Familie und gehen im Thalia-Café einen trinken, während über uns die gesamte deutsche Filmgeschichte in Schwarzweiß an der Wand hängt und nachdenklich bedeutungsschwanger guckt, weil sie gerade von Helmut Hien abgelichtet wird in diesem Studio, wo man gerade wegen Helmut Hiens zurückhaltenden Art ganz von allein das Gefühl bekommt, was besonderes zu sein. Hatte ich heute auch. Geht vorbei. Genau wie diese Tour, morgen ist die letzte Station, und dann, ja, was wird dann sein? Die Zukunft, die Zukunft, ach ja, ich fühle mich schon wieder so schwarzweiß und bedeutungsschwer. Gute Nacht.

Ulm

August 9, 2010

Hatte ich nicht kürzlich erst erwähnt, daß Schauspieler permanent alles verlieren? Heute ist es mal wieder so weit. Eigentlich sollte ich mit Robert Gwisdek und Sabine Holtgreve nach Ulm fahren, aber Robert ist auf allen Kanälen unauffindbar. Über einige Ecken und mit Hilfe einiger gemeinsamer Freundinnen und Freunde gelingt es mir, seine momentane Ausweichnummer herauszufinden, weil er nämlich sein Handyladegerät oder so im Hotel oder so vergessen hat oder so und irgendwie möglicherweise gehofft hatte, daß wir ihn in Berlin vergessen würden oder so. Seinerzeit beim Dreh haben wir öfters ein Lied von Bernd Begemann gehört, da lautete der Refrain:

Bist du dabei

bist du dabei

der Tank ist voll und die Straßen sind frei

du, Robert und ich

wir furchtlosen drei

bist du dabei?!

Tolles Lied, ungefähr so kommen wir uns vor, der Tank ist voll, die Straßen sind nicht frei, aber das ist egal, wir bestreiten die sechs Stunden bis Ulm mit durchweg anregenden Gesprächen. Sabine erzählt ein wenig aus ihrem Berufsleben, Robert erzählt ein wenig aus seinem, Leander Haußmann hat beispielsweise beim Dreh zu „NVA“ jeden Morgen einen Komparsen bei lebendigem Leibe verspeist, dieses Beispiel ist bewußt aus der Luft gegriffen und durch Übersteigerung unkenntlich gemacht, Klatsch & Tratsch sind doch immer die spannendsten Reisegefährten, und dann ist da schon Ulm, wo uns ein schauerlicher Regenschauer begrüßt. Mein Hotelzimmer ist der exakte Klon von dem in Bremen, das Hotel heißt ja auch genauso, wir schmeißen uns kurz ins Wellnessparadies und spazieren dann rüber ins Open-Air-Kino, welches wir erstmal nicht finden. Wird da überhaupt ein Mensch kommen? Hat schließlich gerade noch geregnet. Ach was, sagt Wolfgang Schick, der umtriebige Kinomanager, als wir es schließlich doch finden, unsere Leute wissen, wie sie sich vorbereiten müssen. Wir befinden uns in einem Freibad, man läuft am großen Becken vorbei, die Leinwand steht auf der Liegewiese. Die Leute wissen in der Tat, wie sie sich vorbereiten müssen. Sie kommen schwerbepackt mit Decken und Daunenjacken und Schlafsäcken, nehmen sich weiße Plastikstühle vom Stapel und formieren sich auf der Wiese allmählich zu einem Publikum. Wir machen währenddessen Presse und plaudern mit einem freundlichen Journalisten, der anscheinend irgendwas mißversteht, denn am nächsten Tag schreibt er, das Drehbuch sei von unseren Redakteuren immer wieder geradezu zerpflückt worden, weswegen ich an dieser Stelle nochmal betonen muß: Das war keineswegs der Fall. Mit uns wurde von Senderseite immer freundlich und konstruktiv umgegangen. Und zwar wirklich.

Wolfgang Schick, der bereits erwähnte umtriebige, gut gelaunte, stets präsente Kinomann, dem sein Job wirklich Spaß zu machen scheint, stellt uns vor. Es ist Open-Air-Kino, es wird hinterher kein Publikumsgespräch geben, also haben wir mal wieder die leicht dadaistische Aufgabe, Fragen, die die Leute noch gar nicht haben, zu einem Film, den die Leute noch gar nicht gesehen haben, vorauszuahnen und so zu beantworten, daß man trotzdem dem Film nicht vorgreift. Klar, daß daraus wie von selbst eine kleine Impro-Komödie wird. Kann man mit Gwisdek auch stundenlang machen. Außerdem haben wir heute Ehrengäste, meine Lieblingskostümbildnerein Juliane Maier, genannt, Julimai, ist nämlich in Ulm aufgewachsen und hat ihre Eltern vorbeigeschickt. Klar, daß die vor versammelter Mannschaft gebührend begrüßt werden.

Über die Vor- und Nachteile des Freiluftkinos wurde hier ja zuvor schon nachgedacht. Heute ist es erstens feuchtkalt, zweitens ist der Ton etwas, hrmpsssssftzsss, seltsam, gerade bei Musikstellen. Eine der härtesten Aufgaben des Filmemachers ist, zu akzeptieren, daß sein Baby jetzt volljährig ist und zu anderen Menschen geht, sich die Haare lang wachsen läßt und zu kiffen anfängt, all das natürlich metaphorisch; es klingt schräg, streckenweise schrecklich, aber das stört anscheinend keinen außer mir. Während des Films wärmen wir uns in der nahegelegenen Vereinsgaststätte auf, zwischendurch fraternisiere ich mich mit dem Personal des Getränke- und Grillstandes, in Ulm arbeiten anscheinend nur nette Leute, und als der Film vorbei ist, stehen wir da noch stundenlang herum und helfen am Ende sogar, den Laden dichtzumachen. Die ganze Zeit sitzen währenddessen noch zwei Zuschauer ganz allein auf der Wiese und wollen nicht nach Hause gehen. Robert und ich gehen zu ihnen und gratulieren ihnen zum Durchhaltevermögen. Es sind zwei gut gelaunte Frauen, sie sitzen da noch ganz nachdenklich beschwingt vom Film, den sie anscheinend mochten. Die eine ist Physiotherapeutin und merkt an, daß Robert im Film für die realistische Darstellung eines Tetraplegikers noch deutlich zu viel Muskelspannung im Bauch und Rücken hat. Da hat sie allerdings Recht, sowas ist auch fast gar nicht realistisch zu spielen, zumal unser Rollstuhl supoptimal war (die Gründe dafür finden sich viel weiter hinten auf diesem Blog), aber zum Glück merkt es fast keiner. Und die, die es merken, sind zum Glück nicht so Fachbereichs-Nazis wie viele Musiker, die einen falsch positionierten Schauspielerfinger auf dem Geigengriffbrett sehen, sofort vor Empörung blau anlaufen, aus dem Kino rennen und hinausposaunen, wie miserabel dieser Film doch wieder ist. Mit so jemand habe ich mich sogar auf der Moviepilot-Seite schon persönlich herumgestritten. Klassische Musiker haben leider oft einen gewissen Tunnelblick. Leute, die mit Behinderten zu tun haben oder selber betroffen sind, haben meist einen etwas weiteren Horizont. Müssen sie auch, denn sie werden täglich mit den Widersprüchen und Unzulänglichkeiten eines Lebens konfrontiert, in dem nicht alles nach Plan läuft, und in dem man trotzdem seinen eigenen Weg finden kann.

Am nächsten Tag müssen wir nur bis Augsburg. Ich lade mir am Frühstücksbuffet zentnerweise Speck, Eier, Fleisch, Zucker, tierisches Fett und Nitritpökelsalz auf den Teller, quelle beim Essen in rasender Geschwindigkeit in die Breite und nehme in einer halben Stunde 83 Kilogramm zu. Sabine betrachtet meine neu erworbene Körperfülle und schlägt vor:

˗Gehen wir doch noch aufs Münster.

Robert kontert mit dem Freudschen Hörfehler des Jahres:

˗Jungstar? Was? Wer?

Sabine meint das weltberühmte Ulmer Münster, dem höchsten Kirchturm der Welt, 161 Meter Gotik und Spitzbögen. Nichts wie hin. Ich wuchte meine 161 Kilo aus dem Stuhl, wälze mich an der Rezeption vorbei, schleppe mich mit den anderen am Fluß entlang zur Altstadt und nehme unterwegs allmählich wieder ab. Zum Glück, denn die Treppenaufgänge des Münsterturms sind schmal, selbst zwei schlanke Menschen müssen sich bei Gegenverkehr aneinander vorbeiquetschen. Er nimmt kein Ende. Man landet irgendwann auf einer Art Plattform im gotischen Himmel, von der es dann aber in einer engen Wendeltreppensäule noch weiter hinauf geht. Und da oben drin ist dann irgendwann Stau. Im Stau klingelt mein Telefon. Eine Berliner Stimme ist dran. Juten Tach! Ick steh bei ihnen vor der Tür, ick soll sie abholen zu Knut Elstermann in die Sendung. Wat? Nich zuhause? Wie? Moment mal, Sie sind doch Andres Veiel, oder?

Nee, wäre ich gern, hat aber leider nicht hingehauen. Was mir bei der Gelegenheit aber einfällt: Wir hatten einen Telefontermin mit „12 Uhr Mittags“, unser aller Lieblingskinosendung auf Radio Eins. Und zwar jetzt. Den hatte ich wirklich total vergessen. Kommt das gut, wenn ich im Stau auf der Ulmer Münsterwendeltreppe zwischen Teenagern und Kleinfamilien in mein Handy trompete, was wir uns bei dem Film alles gedacht haben? Nö. Also überlasse ich Robert und Sabine die Besteigung des obersten Niveaus, gehe wieder hinunter auf das Plateau und telefoniere. Anna ist auch zugeschaltet. Ringsumher schreien Kinder. Es ist surreal. Und dann gehen wir wieder runter und fahren nach Augsburg. Sabine will ans Steuer und verbittet sich jegliche chauvinistischen Sprüche. Ich sage: Schnucki, das Auto hat sechs Gänge, du bist im vierten, der Typ da hatte Vorfahrt, und jetzt laß dir mal von Robert erklären, wo die Handbremse ist, es riecht schon so nach verbranntem Gummi. Dann sehe ich ein, daß meine übermächtige Präsenz sie nervös macht, und klappe auf der Rückbank den Laptop auf, um mich ins Blogschreiben zu vertiefen. Wird schon schiefgehen. Wütender Protest bitte in den Kommentaren, und zwar jetzt.

Berlin 2

August 5, 2010

Auf dem Rückweg nach Berlin machen wir einen Umweg. Machten wir einen Umweg, müßte es eigentlich heißen, denn es ist bereits Vergangenheit. Vor lauter Herumfahren bin ich mit dem Schreiben nicht hinterhergekommen, der Film ist im Kino, die Tour ist vorbei, aber in meinem Kopf fährt alles noch durcheinander, also mache ich einfach das, was ich mir vorgenommen habe, und schreibe das Tourtagebuch rückblickend zu Ende. Ich verspreche Ihnen, liebe Leser, daß Sie keinen Unterschied merken werden, da ich nämlich einen sensationellen Trick anwende und einfach weiter die Gegenwartsform verwende. Also, auf dem Rückweg nach Berlin machen wir einen Umweg, weil Robert gestern am See seine Brille vergessen hat. Sie liegt noch an genau der Stelle im Gras, an der wir gestern waren. Wir lassen sie da noch ein wenig länger liegen und springen zweimal in denselben See.

Es ist ein seltsames Phänomen, daß Schauspieler immer alles vergessen. Durchschnittlich einmal die Woche verlieren sie ihr Handy, verlegen ihr Portemonnaie, verschlampen ihren Personalausweis und vergessen ihren Namen. Was mich aber vor allem beunruhigt: Mir geht es neuerdings auch so. Bis dato hatte ich nie einen Schlüssel verloren, wußte immer, wo mein Mobiltelefon war, und bin auch noch im Besitz meines ersten Führerscheins. Dann fing es schleichend an. Erst überließ ich einem chinesischen Geldautomaten meine Kreditkarte, zu Beginn dieser Tour ließ ich einfach so ein Portemonnaie mit allerhand Geld auf einer Rastplatztoilette liegen, und wo ist überhaupt mein Personalausweis?

Vielleicht zuhause. Ich setze Robert am Hauptbahnhof ab und freue mich mal wieder sehr über den Tiergartentunnel, der fast vor meiner Haustür endet. Ebenfalls fast vor meiner Haustür ist heute unser Kino: Wir laufen im Open-Air am Kulturforum. Das Kulturforum ist ein großer, schräger, leerer Platz, den irgendwie kaum jemand kennt. Dahinter ist die Gemäldegalerie, die jeder kennen sollte, und das bizarr häßliche Kunstgewerbemuseum. Davor steht jetzt eine große, aufblasbare Leinwand. Würde man sie flach hinlegen, wäre es eine Hüpfburg. Es hat nachmittags noch ein wenig geregnet und ist nicht besonders warm, also rechnen wir nicht unbedingt mit Menschenmassen. Andererseits ist das heute unsere Premiere, also diesmal wirklich. Im Grunde ist ja jede Vorführung des Films eine Premiere, denn das Publikum sieht ihn üblicherweise zum ersten Mal. Andererseits wird der Begriff ein wenig inflationär gebraucht, streng genommen kann es nur eine einzige Premiere geben, es sei denn, man setzt Zusatzwörter wie Welt-, Deutschland- oder Kreuzberg- davor. Heute ist jedenfalls unsere Kinostartpremiere, weil ab morgen der Film deutschlandweit läuft. Allerhand Prominenz hat zugesagt. Einige erscheinen, andere nicht. Ich selber lege meist ziemlich viel Wert darauf, Filme von Freunden und Bekannten im Kino zu sehen und nicht auf irgendeinem Gerät, also gehe ich hin, wenn ich irgendwie kann. Ab einem gewissen Niveau des Ruhms scheint das anders zu sein. Leute, die in einer bestimmten Liga spielen, sieht man nur noch selten im Publikum von halbwegs normalen Veranstaltungen wie unserer. Umso mehr freue ich mich, wenn jemand wie Andreas Dresen, der ja wirklich in seiner eigenen Klasse spielt, sich beim Festival in Schwerin in unauffälliger Freizeitkleidung ein Bier holt, sich zum Volk in die Schlange stellt und sich meinen Film anguckt. Hat er gemacht. Und mochte ihn gern. Gäbe es beim deutschen Film einen Ritterschlag (eigentlich sollte man so ein Ritual einführen, ich bin ein Freund dämlicher Rituale), wäre es das. Und hätte ich im deutschen Film ein Vorbild, wäre es übrigens Andreas Dresen.

Weil heute Premiere ist, ist viel Team anwesend, darunter Leute, die ich noch nie gesehen habe. Nhat Quang Tran und Constanze Tran, er hat VFX gemacht, sie hat die Typografie unseres sehr schönen Vorspanns gemacht, wir haben immer nur per Email kommuniziert, und auf einmal stehen sie leibhaftig vor mir. Der Veranstalter sagt was, die Produzenten sagen was, ich sage ziemlich viel, weil das ganze Team ja angemessen dem Publikum präsentiert werden muß, und dann fängt er an, der Film.

Open-Air-Kino ist was tolles und andererseits eigentlich bescheuert. Vorn ist es zu laut, hinten zu leise, rundherum ist es zu hell, das Bild ist zu dunkel, Autos fahren durchs Bild, Polizeisirenen tröten durch den Ton, die Regenwahrscheinlichkeit ist immer 54%, und spätestens ab dem letzten Drittel friert man. Open-Air sollte es eigentlich nur bei krassen Hitzewellen geben. Die krasse Hitzewelle ist seit letzter Woche vorbei. Aber man unterschätzt immer wieder die Bereitschaft der Leute, sich auf einen Film einzulassen und dabei der ganzen aufdringlichen Außenwelt zu trotzen. Wir stehen am Rand, sehen die ersten Minuten und gucken zu, wie die Leinwand sich sachte im Abendwind wiegt. Und jetzt zieht der lustige Jacob Matschenz wahrhaftig eine Flasche Champagner hervor. Wir lassen sie kreisen, freuen uns des Lebens und stoßen an auf das, was war, und das, was kommt.

Dann überlassen wir das Publikum seinem Schicksal und gehen in ein Lokal, so lange der Film läuft. Stefan Schubert, einer der beiden Wüste-Chefs, gibt uns heute mal wieder die Ehre und ist überhaupt immer vorbildlich am Start, wenn der Film irgendwo in seiner Reichweite läuft. Er schlägt eine sogenannte Teufelswette vor: Wünsch dir eine Zuschauerzahl, die kriegst du, aber keinen einzigen mehr. Oh weh, zu so etwas bin ich nicht in der Lage. Eine Million? Zwanzigtausend? Oder sollte man sich vom Teufel wünschen, daß der Film bitteschön bei jedem, der ihn sieht, teuflisch tief einschlägt, und den Rest Gott überlassen? Oder einfach mit diesem überhöhten Quatsch aufhören und der Welt vertrauen? Meine Teufelswette liegt präzise bei „sehr viele“, und jetzt ist es auch schon wieder Zeit, zum sogenannten Kino zurückzuspazieren. Während Robert unsere Aufkleber mit weiser Zurückhaltung ignoriert, ist Jacob Matschenz nicht zu bremsen. Er klebt sie nicht nur auf Gegenstände, er verteilt sie auch an Menschen. Irgendwelchen wildfremden Mädchen drückt er was in die Hand, da steht dann beispielsweise IN MEINEM LEBEN STIMMT NICHTS, das wildfremde Mädchen ist verwirrt, und Jacob freut sich wie ein Kind auf der Hüpfburg. A propos: Die Leinwand steht immer noch, aber es ist inzwischen sehr kalt. Hinter der Leinwand ragt der Kirchturm empor und ist jetzt stilvoll angeleuchtet. Das letzte Bild des Films ist ein Schwenk über allerhand Gebäude, und irgendwie irritiert es mich, daß der Kirchturm sich nicht mitbewegt.

Danach ist Party. Erst stehen alle herum, dann tanzen viele, dann gehen viele, dann ist nur noch eine Gruppe von lustigen Leuten da, die ich nicht kenne, und dann gehe ich auch. Morgen ist frei, aber die Tour ist noch nicht vorbei. Wir fahren am Freitag weiter nach Ulm, dann nach Augsburg, dann nach Regensburg, Dienstag sind Anna und ich nochmal im Frühstücksfernsehen zu Gast, und dann ist es vorbei, oder besser gesagt: Jetzt fängt es an, und dann geht es weiter. Unsere Presseagentin schickt massenweise Kritiken, die zum Start erscheinen, und wenn man die so durchliest, kann es einem wirklich die Schamesröte ins Gesicht treiben, die sind allesamt äußerst lobend ˗ mit einer einzigen Ausnahme, nämlich demjenigen der beiden Berliner Stadtmagazine, welches ich nie lese, weil ich die Filmrezensionen seit jeher komplett bescheuert finde und weil „Didi und Stulle“ dort nicht erscheinen. Da heißt es: „Annehmbar“. Auch okay.

Und dann gibt es noch diesen Dramaturgen aus München, der sich sein eigenes System ausgedacht hat, nach dem er auf seinem Blog Zuschauerzahlen vorhersagt. Die Figuren im Film, behauptet er, müßten miteinander human interagieren. Wenn was schönes passiert, sollen sie sich gemeinsam freuen, sie sollen füreinander einstehen, der Zuschauer soll emotional einsteigen und so weiter. Das ist ja alles andere als verkehrt, aber so ein geschlossenes System mit selbst erfundener Fachterminologie, die er in seinen Filmanalysen auch stur durchzieht, wirkt auf mich schon wieder etwas seltsam – ich kann emotional nicht so recht einsteigen, mir ist das alles etwas zu kurz gedacht. Der jedenfalls findet zu Renn, wenn du kannst: „Die Umsetzung ist erkennbar weniger unterhaltsam und emotional bewegend geraten, als es das Thema verdient gehabt hätte. Dafür wäre eine Herangehensweise hilfreich gewesen, die uns die Figuren näher bringt und stärkere emotionale Entwicklungen auslöst.“ Weil dem aber nicht so sei, würden wir am im Endergebnis höchstwahrscheinlich nur 20-25000 Zuschauer kriegen.

Zahlen hin oder her, aber da hat sich wohl jemand ein wenig geirrt. Wir haben unser ganzes humanes Herz in diesen Film gelegt, und fast alle Leute finden es dort, wo wir es hingelegt haben. Wir haben auch alles an Unterhaltsamkeit und emotionaler Entwicklung aufgeboten, was wir hatten, und zwar, das ist das Entscheidende: Ohne den Zuschauer für doof zu verkaufen. Ohne ihn wie ein Kind zu behandeln. Ich stelle mir nämlich bei der Arbeit am liebsten ein Publikum vor, das selber denken und fühlen kann. Und davon habe ich in den letzten Wochen eine Menge gesehen und eine Menge zurückbekommen. Film ist nicht Arbeit eines einsamen Genies, sondern Kommunikation zwischen einer Geschichte, einem Schauspielerensemble, einem Regisseur, einem Team und am Ende einem Publikum. Letzteres macht den Film erst komplett. Und letzteres ist geradezu begeistert, wenn ein Film selber nicht komplett sein will, nicht alle Fragen toterklärt, sondern die Phantasie anregt. In Zahlen ausgedrückt: Jetzt, nach nur einer Woche, sind es exakt 20678. Ätsch.

Ansonsten versuche ich, mich nicht abhängig zu machen, weder von solchen Unkenrufen noch von den zahlreichen freundlichen Kritiken. Was man natürlich gleich wieder vergessen kann. Es ist einem nicht egal. Der Berlin-Premiere folgt ein freier Tag, ich schlafe zwei Nächte hintereinander im eigenen Bett und mache mir meinen eigenen Kaffee in meiner eigenen Küche. Porno.

Liebe Freunde, Förderer, Verwandte und Fremde!

Ständig kommen neue Filme ins Kino, ständig kriegt man Mails von Bekannten aus der Filmszene, in denen sie schreiben, wie wahnsinnig viel Arbeit und Herzblut in einem Film stecken und daß man ihn bitte unbedingt am ersten Wochenende angucken soll.
Was die Leute dabei immer vergessen:
Dem Publikum kann völlig egal sein, wieviel Herzblut in einem Film steckt.
Das Publikum hat das gute Recht, sich ausschließlich dafür zu interessieren, ob der Film was hergibt.

Hiermit verkünde ich:
Der Film „Renn, wenn du kannst“, der unter meiner Regie entstand, läuft seit Donnerstag deutschlandweit im Kino. Der Film erzählt die Geschichte dreier Freunde. Man kann ihn sich angucken. Man kann ihn gut oder schlecht finden. Den meisten, die ihn bisher gesehen haben, hat er Freude bereitet. Die Kritiken sind toll. Die Bewertungen von irgendwelchen anonymen Sneak-Preview-Besuchern sind toll. Eigentlich ist alles supertoll. Weil es aber trotzdem ein sogenannter „kleiner“ Film ist, der nicht mit einem millionenschweren Marketingbudget in die Medien gedonnert wird, zieht auch der größte Festival-, Kritiker- und-so-weiter-Erfolg nicht zwangsläufig deutschlandweit volle Säle nach sich.

Damit ist das hier natürlich auch ein Aufruf:
Wenn ihr ihn mit dem Gedanken spielt, ihn anzugucken, dann gerne bald. „Inception“ und „Moon“ und „Das Konzert“ sind zwar auch extrem sehenswert, laufen aber mit Sicherheit noch eine ganze Weile. Wir vielleicht auch. Das hängt von euch ab. Also: Geht ins Kino! Ihr werdet es nicht bereuen! Ja, es ist zwar ein deutscher Film, aber er macht trotzdem Spaß! Die Leute reden wie normale Menschen! Es ist überhaupt nicht langweilig! Man kann lachen und wird trotzdem nicht für dumm verkauft! Man kann nachdenken und hat trotzdem Freude! Hurra!

Vor allem aber ist das hier eine Bitte: Sagt es weiter.
Wenn euch der Film gefallen hat, verkündet es im Internet, bei Facebook, Twitter, sonstwo. Leitet diesen Link weiter, erzählt es herum, macht, was euch so einfällt. Und wenn ihr ihn schlecht findet, natürlich genauso. So fair muß man sein.
Ich vertraue einfach mal darauf, daß das Gute überwiegen wird, und lege das Schickal meines Films vertrauensvoll in die Hände des Publikums.
Und das seid ihr.

Liebe Grüße in alle Richtungen
Dietrich Brüggemann

Rostock

August 1, 2010

Die Illusion, auf dieser Tour irgendwie von A über B nach C zu kommen und sich dabei prinzipiell vorwärts zu bewegen, entlarvt sich als Illusion, wenn man eine Strecke am nächsten Tag gleich wieder zurückfährt. Wir bewegen uns von Hannover zurück in Richtung Hamburg, lassen Hamburg allerdings links liegen und fahren weiter nach Rostock. Unterwegs machen wir Halt an einer dieser Tankstellen etwas abseits der Autobahn, wo eigentlich nur LKW-Fahrer anhalten und Bockwurst essen. Auf einmal sehe ich da im Tankstellenladen, zwischen Keksen und Zeitschriften, wie Robert ein bayerisches Mannsbild in Lederhose und knallrotem T-Shirt überschwänglich umarmt. Es handelt sich bei dem Mannsbild um Devid Striesow, der soeben drei Tage an der Ostsee geurlaubt hat. Von seinem Freizeitoutfit inspiriert beschließen wir, ebenfalls in einen See zu springen. Wir steuern den nächsten blauen Fleck auf der Landkarte an und landen bei einer sogenannten Badeanstalt, bestehend aus einigen Stegen, die ins Wasser führen, und am Ende einem Sprungbrett. Damit wäre das Pogramm für die nächste halbe Stunde geklärt, Robert und ich hüpfen auf tausend verschiedene Arten ins Wasser, bis die ebenfalls anwesende Dorfjugend vor Neid erblasst. Und dann weiter nach Rostock. Hier laufen wir im Cinestar. Das haben wir einem Preis zu verdanken, den wir in Schwerin gewonnen haben. Der Cinestar Award besteht darin, daß unser Film im Cinestar gespielt wird. Außerdem, hieß es, ist er dotiert mit 2500 Euro. Toll, dachte ich damals beim Festival in Schwerin, möglicherweise kann damit ja mal diese eine Kamera angeschafft werden oder eine andere sinnvolle Investition getätigt oder wenigstens eine große Party für alle geschmissen. Nachdem ich drei Wochen lang nichts gehört hatte, rief ich bei Cinestar an und landete bei einem freundlichen Sachsen, der mir erklärte, daß wir die Kohle nie zu sehen bekommen, die sei sozusagen zweckgebunden, um dann in Rostock eine galamäßige Premierenfeier zu finanzieren. Okay. Na gut. Da sind wir dann aber doch gespannt, was uns erwartet. Erste Überraschung: Das Kino heißt Hansa und ist kein Multiplex, sondern ein ehrwürdiges altes Kino mit einem schönen großen Saal. Man hat sich richtig Mühe gegeben, es wurden Rollstuhlrampen gelegt und zwei Reihen ausgebaut. Draußen liegt ein netter kleiner roter Teppich. Robert und ich albern ein wenig für zwei Fotografen von der lokalen Presse herum, geben ein Interview und leeren dabei eine Türe Popcorn, die Robert aus irgendeinem Grund geordert hat. Während dem Film gehen wir was trinken und reden mit dem Mann von Cinestar, der für die ganze Region zuständig, sich selber nur selten einen Film ansieht, aber interessante Geschichten aus der Welt der Multiplexkinos zu berichten weiß. Nach dem Film dann ein Publikumsgespräch, das kein Ende nimmt. Niemand moderiert, wir moderieren uns selber, das Publikum hat dadurch anscheinend viel weniger Hemmungen und fragt munter drauflos. Robert kriegt von den anwesenden Rollstuhlfahrern den Ritterschlag: Sie haben es ihm geglaubt. Von Rollstuhlfahrern kommt aber auch immer wieder der Wunsch, die Liebesgeschichte mal weiterzuerzählen, und ich hätte auch tatsächlich Lust darauf, ein Sequel zu drehen, in dem Robert und Amelie mit Motorrad und Seitenwagen durch Amerika fahren. Robert könnte dann auch mal all die Dinge zeigen, die er für den Film trainiert hat, die aber gar nicht vorkommen. Essen mit Messer und Gabel, beispielsweise. Die Aufkleber werden uns mal wieder aus den Händen gerissen, sogar die Cinestar-Belegschaft klebt sie sich auf ihre T-Shirts. Nach einem rundum gelungenen Abend setzen wir uns an den Hafen, teilen uns eine Pizza und fühlen uns wohl. Nur die Frage, was da 2500 Euro gekostet hat, welcher Teil der Firma Cinestar da welchem anderen Teil wohl eine Rechnung wofür gestellt hat, ist uns etwas schleierhaft. Stimmt, da stand so ein Tisch mit ein paar Flaschen Sekt. Vielleicht war es das.